Schon das 2020 erschienene Album SPIRIT OF REBELLION markierte die Rückkehr zu Mortiis’ Anfängen, und auch mit GHOSTS OF EUROPA bleibt das norwegische Musikprojekt den Industrial-Ausflüchten seiner zweiten und dritten Ära größtenteils fern. Doch während SPIRIT OF REBELLION noch wie eine Hommage an Mortiis’ „Dark Dungeon Music“ wirkte, hat Mortiis-Mastermind Håvard Ellefsen dieses Mal wieder zum Mikrofon gegriffen – und dabei etwas Neues geschaffen, auf das man sich erst einmal einlassen muss. GHOSTS OF EUROPA ist wie eine Reise und voller Überraschungen. Atmosphärisch bestimmen Songs wie ‘Violent Silence’ oder der Titel-Track mit seinen cinematischen, weitläufigen, dystopischen Klängen und orakelhaften Gesängen sowie dem episch-theatralischen ‘Return To The Old Fields’ das Setting. Letzterer steckt dabei nicht weniger voller Überraschungen als der Rest des Albums: Ab der Hälfte des Songs meldet sich plötzlich eine unheimliche Computer-Stimme zu Wort, die auch in anderen Titeln eine Rolle spielt. Erscheint das Stilmittel an dieser Stelle passend, irritiert die befremdlich stark verzerrte, Autotune-artige Stimme doch teilweise ein wenig – aber das ist Geschmackssache! Dafür gibt es auf GHOSTS OF EUROPA nicht nur Ellefsen zu hören: Für die Sirenengesänge bekam er unter anderem Unterstützung von Ex-Cradle Of Filth Sängerin Sarah Jezebel Deva und Laurie Ann Haus, und mit seinem Gitarrenspiel trug auch Ex-Arch Enemy-Gitarrist Christopher Amott zu der musikalischen Vielfältigkeit des Albums bei. Doch scheint dieses nicht nur mit seinen mystisch-cineastischen, allerdings neu produziert klingenden Songs Nostalgie bei jener Zuschauerschaft beschwören zu wollen, die seit Beginn an dabei war, denn auch Fans der späteren Ären kommen mit Songs à la Nine Inch Nails und Manson wie ‘Farewell Romeo’ oder dem eingängigen Synth-Ohrwurm und besten Song des Albums, ‘Tundra, Heart Of Hell’, auf ihre Kosten. Das schreit nach einem Werk, an dem sich die Geister scheiden könnten – und trotzdem: Wer mit einem Teil der Lieder nichts anfangen kann, sollte der anderen Hälfte durchaus eine Chance geben – und die Möglichkeit auf einen möglichen neuen Lieblings-Song nicht missen.
***
Du willst METAL HAMMER lesen, aber kein Abo abschließen? Kein Problem! Die aktuelle Ausgabe portofrei nach Hause bestellen: www.metal-hammer.de/heftbestellung
***
