Vincent Neil Wharton, geboren am 8. Februar 1961 in Los Angeles, ist eine der schillerndsten – und widersprüchlichsten – Figuren des amerikanischen Glam Metal. Mit mexikanischen Wurzeln mütterlicherseits und indigenen Wurzeln väterlicherseits wuchs er in Südkalifornien auf, wo Sonne, Surfbretter und später Strip-Nächte seinen Lebensrhythmus bestimmten. Genau dort wurde er zu einem Gesicht der Glam Metal-Szene der Achtziger Jahre. Anlässlich seines 65. Geburtstags blicken wir zurück auf sein Leben, das zu Recht bereits mehrfach in verschiedenen Medien aufgearbeitet wurde: Zuletzt als Netflix-Dokumentation namens ‘The Dirt: Sie wollten Sex, Drugs & Rock’n’Roll’ (2019).
Vom David Lee Roth-Fanboy zum Aushängeschild des Glam Metal
Bevor Mötley Crüe überhaupt existierten, hatte Neil ein klares Vorbild: Van Halen – genauer gesagt David Lee Roth. „Ich wollte schon immer aussehen wie er. Ich habe das versucht umzusetzen, lange bevor es Mötley Crüe gab“, sagte Neil einmal in einem Interview. Als Schlagzeuger Tommy Lee ihn 1981 seiner neu geformten Band empfahl, hörten sich Mötley Crüe Neils damalige Gruppe Rock Candy an, und es machte sofort Klick. Kurz darauf stand die Urbesetzung im Studio und veröffentlichte TOO FAST FOR LOVE (1981). Der Rest ist Geschichte.
Produzent Tom Werman beschrieb Neil später als denjenigen in der Band, der am wenigsten in den kreativen Prozess involviert war. Neil war die Stimme, das Gesicht, der blonde Wirbelwind vorne am Bühnenrand. Die musikalische und konzeptionelle Federführung lag meist jedoch bei den anderen.
1991: Der große Knall
Die frühen Neunziger brachten den Wendepunkt. Laut Nikki Sixx gab es lange Gespräche darüber, dass Neils nächtliche Sauftouren und sein Zustand bei Proben nicht mehr tragbar waren. 1991 wurde er schließlich gefeuert. Dass ausgerechnet in dieser Band jemand wegen exzessiven Alkoholkonsums rausflog, sagt einiges. Vier Jahre zuvor ist Sixx nach einer Heroin-Überdosis zwei Minuten lang klinisch tot gewesen. Mötley Crüe waren nie für Vorbildlichkeit bekannt, aber Neil trieb es zu weit.
Solokarriere zwischen Höhen und bitteren Tiefen
Nach dem Rauswurf startete Vince Neil solo durch. Anfangs lief es gut, und in den Neunzigern schloss sich ein kurioser Kreis: Er spielte als Vorband für Van Halen – allerdings in deren Sammy Hagar-Ära.
Doch 1995 folgte der härteste Schlag seines Lebens: Seine Tochter Skylar starb an Krebs. Neil verarbeitete den Verlust auf CARVED IN STONE (1995), doch das Album floppte und verkaufte sich nicht einmal 100.000 Mal. Als Folge trennten Warner Bros. sich von ihm.
Rückkehr, Zerwürfnisse und das ewige On/Off
1997 waren sowohl Mötley Crüe als auch Neil karrieretechnisch am Boden – also versuchten sie es erneut miteinander. Doch die Spannungen blieben, und diesmal war es Tommy Lee, der kurz darauf die Reißleine zog. 2002 starb Nachfolgeschlagzeuger Randy Castillo, was die Band erneut ausbremste. Danach folgte ein jahrelanges On/Off aus Veröffentlichungen, Tourneen und Pausen. Nichts erreichte mehr die Strahlkraft der Achtziger, aber Mötley Crüe blieben ein Name, der Stadien füllte.
2014 verabschiedete sich die Band mit einer Abschiedstournee, die bis ins Folgejahr andauerte – nur um 2018 wieder zurückzukehren. Natürlich wieder mit Vince Neil am Mikro. Seitdem gab es ein paar neue Lieder und Konzerte, es lässt sich aber nicht leugnen, dass der musikalische Höhepunkt von Mötley Crüe in der Vergangenheit liegt.
Geschäftsmann mit wechselhaftem Händchen
Neil probierte sich immer wieder als Unternehmer, seine Pläne hielten sich aber meist nur kurz über Wasser. Zu seinen Unternehmen gehören unter anderem eine Bar (1994 verkauft), ein Klamottenladen (1999 geschlossen) und ein Tattoostudio (ab 2006). Außerdem versuchte der Sänger, seine Leidenschaften neben der Musik auch zum Beruf zu machen. Er hatte ein eigenes Weingut und verkaufte später Tequila, organisierte ein großes Pokerturnier und eröffnete einen Stripclub in Las Vegas. Letzterer trug immerhin einen relativ kreativen Namen: Deja Vu Presents: Vince Neil’s Girls Girls Girls. Nicht alles war erfolgreich, aber langweilig wurde es auf jeden Fall nie.
Der Skylar Neil Memorial Fund: Sein hellster Fleck
Bei all den Eskapaden gibt es eine Seite an Vince Neil, die man nicht kritisieren kann: den Skylar Neil Memorial Fund. Benannt nach seiner verstorbenen Tochter, hat er damit bereits mehrere Millionen US-Dollar für Organisationen gesammelt, die sich der Krebsforschung und Aufklärung widmen. Ein Vermächtnis, das weit über Rock’n’Roll hinausgeht.
Die dunkle Seite: Alkohol, Gewalt und eine Tragödie
Neil stand oft wegen Alkohol- und Drogenmissbrauch oder Körperverletzung vor Gericht. Doch der schwerste Vorfall ereignete sich 1984: Als Hanoi Rocks zu Besuch waren, fuhr Neil nach stundenlangem Feiern betrunken los, um Nachschub zu holen. Er verlor die Kontrolle über sein Auto, zwei Menschen wurden schwer verletzt, und Hanoi Rocks-Schlagzeuger Nicholas „Razzle“ Dingley starb auf dem Beifahrersitz. Ein Ereignis, das bis heute wie ein Schatten über seiner Karriere liegt.
65 Jahre Vince Neil: Ein Leben zwischen Exzess und Ikonografie
Vince Neil verkörpert wie kaum ein anderer den Hedonismus der Achtziger: laut, grell, maßlos. Er war nie der perfekte Musiker, nie der zuverlässigste Band-Kollege, nie der moralische Kompass seiner Generation. Aber er war – und ist – ein Gesicht, das man nicht vergisst.
Mit 65 steht er für all das, was Glam Metal groß, gefährlich und unsterblich gemacht hat.
—
Bestens informiert über dieses und alle weiteren wichtigen Themen im Metal bleibt ihr außerdem mit unserem Newsletter. Einmal pro Woche flattert euch übersichtlich sortiert ein Update ins Postfach. Einfach anmelden, damit euch auch sicher nichts entgeht.
