Fünf Jahrzehnte sind vergangen, seit Blue Öyster Cult mit AGENTS OF FORTUNE endlich den Durchbruch schafften, den Columbia Records so lange heraufbeschworen hatten. Ein Album, das nicht nur der Karriere der Band Aufschwung verlieh, sondern auch den Rock der Siebziger um eine mystische, unheimlich elegante Facette bereicherte. Heute wirkt es fast selbstverständlich, dass Blue Öyster Cult zu den prägenden Namen des Hard Rock gehören. Doch der Weg dahin war alles andere als geradlinig.
Ein langer Anlauf zum Erfolg
Während Zeitgenossen wie Black Sabbath schneller durchstarteten, mussten Blue Öyster Cult Geduld beweisen. Gitarrist Donald „Buck Dharma“ Roeser brachte es später trocken auf den Punkt: Die ersten drei Studioalben verkauften sich solide, aber nie spektakulär. Das Debüt von 1972 kam auf rund 100.000 verkaufte Exemplare, TYRANNY & MUTATION legte leicht zu, SECRET TREATIES baute die Basis weiter aus – doch der große Erfolg blieb aus. Andere Bands wären in dieser Phase längst vom Label fallengelassen worden. Columbia Records jedoch hielten an Blue Öyster Cult fest. Roeser erinnerte sich im Gespräch mit Classic Rock: „Obwohl wir nicht annähernd das Verkaufspotenzial hatten, das andere Künstler des Labels erzielten, haben sie sich nie eingemischt. Es herrschte die unausgesprochene Überzeugung, dass wir es irgendwann schaffen würden – und zwar zu unseren eigenen Bedingungen.“
Dabei war die Band-Geschichte selbst schon ein kleines Abenteuer. 1967 starteten sie als Soft White Underbelly, nahmen zwei nie veröffentlichte Alben auf, veröffentlichten eine Single unter dem Namen Stalk Forrest Group und wurden erst 1971 offiziell zu Blue Öyster Cult. Der Name entstammte einem Gedicht ihres Managers und Produzenten Sandy Pearlman, in dem eine außerirdische Spezies im Hintergrund die Fäden der Menschheitsgeschichte zieht.
Der Funke, der alles veränderte
Der eigentliche Wendepunkt kam 1975 – und zwar nicht mit einem Studioalbum, sondern dem Live-Monster ON YOUR FEET OR ON YOUR KNEES. In einer Ära, in der Live-Alben wie ALIVE! (Kiss, 1975) oder FRAMPTON COMES ALIVE! (1976, Peter Frampton) zu Kassenschlagern wurden, reihten sich Blue Öyster Cult plötzlich ein. Eine halbe Million verkaufte Exemplare später war klar: Die Welt schaute nun genauer hin. „Columbia wollten, dass unser nächstes Projekt dies widerspiegelt. Das setzte uns schon ein wenig unter Druck. Aber so schlimm war es nun auch wieder nicht“, erzählte Roesner. „Die Verantwortlichen setzten uns nicht unter Druck und bestanden nicht darauf, dass wir bestimmte Songs spielen sollten. Sie ließen uns das nächste Album ohne Einmischung in Ruhe aufnehmen. Sie sagten lediglich, dass wir nun ein bestimmtes Niveau erreichen und übertreffen müssten.“
Mit der neuen Aufmerksamkeit kam auch ein neues Selbstverständnis. Die Band nahm sich Zeit, arbeitete konzentriert und nutzte die damals frisch verfügbaren Multitrack-Tape-Maschinen, die es ermöglichten, Ideen zu Hause auszuarbeiten und erst später gemeinsam zu verfeinern. Rund sechs Wochen verbrachten sie im Studio – für die damalige Zeit ein ungewöhnlich langer Zeitraum. Doch Blue Öyster Cult wollten Perfektion, ohne sich zu verlieren. “Man kann zu viel Zeit in ein Album stecken, und dann wird es kontraproduktiv”, betonte Roeser später.
Der Reaper klopft an – und öffnet Türen
Der Aufwand zahlte sich aus. Noch bevor das Album erschien, wurde die Single ‘(Don’t Fear) The Reaper’ veröffentlicht: ein Lied, das bis heute als das Aushängeschild der Band gilt. Roeser schrieb ihn, während er sich mit einer Herzdiagnose auseinandersetzte, die sich später als harmlos herausstellte. Der Gedanke an die eigene Sterblichkeit war der Funke, aber der Song selbst wurde schnell zu etwas anderem. “Es ist ein Lied über Liebe”, sagte er später. “Ein Lied der Hoffnung, nicht über das Ende.”
Der Erfolg gab ihm recht: Platz 12 in den US-Charts, ein zeitloser Klassiker, unzählige Interpretationen – und ein Song, der AGENTS OF FORTUNE direkt ins Rampenlicht katapultierte.
Ein Blue Öyster Cult-Album wie kein anderes
AGENTS OF FORTUNE erreichte Platz 29 der Charts in den USA und wurde zum meistgefeierten Werk der Band. Nur FIRE OF UNKNOWN ORIGIN (1981) sollte dort später noch besser abschneiden, und in Großbritannien übertraf lediglich CULTÖSAURUS ERECTUS (1980) die Chart-Position von AGENTS OF FORTUNE. Doch kein anderes Album der Band ist so vielseitig, so eigen, so unverwechselbar wie dieses. Jedes Band-Mitglied übernimmt mindestens einmal den Lead-Gesang: ein Kunststück, das kein anderes Blue Öyster Cult-Album bietet.
Ein kosmischer Meilenstein
Auch 50 Jahre später ist klar, dass AGENTS OF FORTUNE das Werk einer Band ist, die sich nie verbiegen ließ, ihren eigenen Weg ging und deren Label genug Weitsicht hatte, ihnen diesen Weg zu ermöglichen. Der Durchbruch kam spät, aber dafür mit einer Wucht, die bis heute nachhallt. Blue Öyster Cult bewiesen 1976, dass Geduld, Vision und ein Hauch kosmischer Mystik manchmal genau das sind, was Rock-Musik braucht. AGENTS OF FORTUNE bleibt das Album, das all diese Elemente in perfekter Balance vereint.
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