Gefühle die unter die Haut gehen

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Heaven Shall Burn Maik Weichert 2011
Heaven Shall Burn Maik Weichert 2011

Zum einen ist es interessant zu erfahren, was denn die „normalen“ Menschen da draußen am Frühstückstisch über Krachmusik wissen wollen, und man bekommt auch einen ganz guten Eindruck davon, welche Vorstellungen vom Heavy Metal in der Mitte der Gesellschaft herrschen. Insofern setzt man sich dann meist auch mit gespannter Belustigung hin und freut sich auf die manchmal wirklich putzigen Fragen. Schließlich haben Dekaden von Manowar-Reportagen in schäbigen Privatsender-Boulevardmagazinen durchaus ihre Spuren im Bewusstsein relevanter Zielgruppen hinterlassen.

So kam mir bei eben einer solchen Gelegenheit  just die Frage entgegen:

„Was sagt denn eigentlich ihre Umwelt zu ihren vielen Tätowierungen?“

„Äh, ja keine Ahnung eigentlich nichts, ich bin ja nicht tätowiert und auch nicht gepierct oder so was.“

„Aber sie spielen doch in einer Metal Band oder?“

Ja klar, aber du Flasche hast dir eben einen der wenigen Loser rausgesucht, der keine Tinte unter der Haut hat. (*Denkt sich der Maik.*) 

Irgendwie erweckte es in mir fast schon nostalgische Gefühle, dass der gute Mann eine solche Vorstellung vom Heavy Metal hat. Ich musste daran denken, wie besorgt meine Eltern waren, als sie mitbekamen auf was für Musik ich stehe. Ich hätte ja quasi jeden Tag mit einem Deicide-Tattoo im Gesicht nach Hause kommen können!

Aber sind wir doch mal ehrlich: der Mann von der Lokalpresse lebt doch völlig hinterm Mond.  Was haben denn Tätowierungen heutzutage noch mit Rock oder Metal zu tun?! Es läuft doch mittlerweile jeder zugedröhnte GTI-Techno-Dorfproll mit ´nem zugehackten Unterarm durch die Gegend und die braungebrannte Spielothekenpalme auf dem Beifahrersitz hat ihr Arschgeweih schon lange mit einem ganzflächigen Blumenranken-Rückendekor gecovert. Und ich wette unser Bundespräsident zieht Abends die Lederjacke an und spielt der rüden Rocker für unsere ruchlos tätowierte First Lady.

Tätowierungen sind mittlerweile so allgegenwärtig, dass es aber auch rein gar nichts mehr mit einem Outlaw-Image zu tun hat.  Wie viele Seemeilen und Kneipenschlägereien musste in früheren Zeiten ein Matrose hinter sich bringen bis schließlich unzählige kleine Bildchen unter seiner Haut von den vergangenen Abenteuern, Helden- und Schandtaten berichteten? Dagegen ist es heutzutage schon verwunderlich, dass bei H&M oder Pimkie noch keine fest angestellten Tätowierer arbeiten und Taschengeld in Schwälbchen und Würfelchen umwandeln.

Ich finde es einfach zum kotzen, dass bei so vielen Leuten Tattoos gar nichts mehr mit dem eigenen Leben oder den innersten Gefühlen zu tun haben. Es ist einfach nur ein krasses Accessoire, das nichts weiter als schick sein muss. Ich glaube, mittlerweile befinden sich mehr Koi-Karpfen auf den Extremitäten deutscher BWL-Studenten als in Düsseldorfer Gartenteichen. Und gegen das Blütenmeer auf den Dekoltees junger Gymnasiastinnen erscheint die gesamte holländische Blumenindustrie wie ein schäbiges Schrebergartenbeet. So viel kann doch im Leben eines rund 20 Jahre alten Menschen noch gar nicht passiert sein, dass man bereits bis zur Halskrause zugehackt ist?! Das ist doch alles gesichts- und vor allem geschichtslos. Für mich müssen Tattoos eine Bewandtnis haben, eine Story erzählen oder für ein Ereignis, ein Versprechen oder ein Gefühl stehen – Trauer, Freude, Freundschaft, Heimat, Fernweh, Bewunderung, Liebe, Hass oder was auch immer. Ein Tattoo nur um des Styles und der Dekoration willen ist für mich nicht wirklich ein Tattoo, es ist einfach Permanent Make-Up, weiter nichts.

Habe ich ein langweiliges oder ein zu glückliches Leben, weil ich tattoomäßig völlig nackt bin?  Ich weiß es nicht, irgendwie hat es sich bei mir nie so richtig ergeben und mittlerweile ist man fast schon etwas Besonderes, wenn man ohne Tätowierungen umherläuft. Was ich aber ganz sicher weiß ist, dass der Trend vorbei gehen wird, aber die Bilder bleiben werden. So wird dann aus dem geschichtslosen Mode-Accessoire irgendwie doch noch eine Erinnerung an eine Phase eines Lebens. Wer dann ganz ehrlich ist wird zugestehen müssen, dass es ein trauriges und gesichtsloses Souvenir ist.

Wer beim Stechen des Hautbildes nichts weiter gefühlt hat als den Schmerz, den die Nadel auf der Haut verursacht, wer lieber das Bild des Tattoos im Spiegel sieht als die Bilder die es im eigenen Kopf aufgrund der inneren Verbindung erzeugt, der tut mir einfach leid. Fashion Victims ohne Chance auf Kleiderwechsel, einfach lächerlich.

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Maik Weichert
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