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Im Infield bei: Sweden Rock 2017 – Teil 3

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Samstag, 10.06.2017

Amorphis

Amorphis können mit Tomi Joutsen am Gesang kein schlechtes Album aufnehmen, genauso wenig wie einen schlechten Gig abliefern, auch nicht zu einem undankbaren 12 Uhr-Slot am letzten Festival-Tag. Und so machen die Nordmänner das einzig Richtige und beglücken ihre Fans mit einem bärenstarken Best Of-Set. Der charismatische Frontmann gibt wie immer 200 Prozent auf der Bühne und verkörpert das Amorphis-Song-Material wie niemand sonst seiner Kollegen, die ihm entsprechend den Raum für Entfaltung lassen und sich in gewohnt finnischem Understatement üben.

Unwiderstehliche Darbietungen von ‘Silver Bride’, ‘My Kantele’, aber auch neuem Material wie ‘Bad Blood’ oder ‘Sacrifice’ fräsen sich dank des druckvollen Sounds sofort ins Hirn und lassen dabei den Kater schnell vergessen. Ein perfekter Opener, bei dem man sich nach ‘House Of Sleep’ eigentlich mit dem wohligen Gefühl, alles gesehen zu haben, direkt wieder schlafen legen könnte.

Dare

Ähnlich stark und musikalisch doch ganz anders gehen die britischen Kuschelrocker Dare am späten Nachmittag ans Werk und ziehen dabei eine ganze Schar von Camping-Hocker-Fans nach sich. Aber wen wundert’s? Der teils leicht überzuckerte, aber immer hundertprozentig ehrliche Classic Rock/AOR um den wunderbar sympathischen Frontmann und Ex-Thin Lizzy-Keyboarder Darren Wharton ist wie gemacht dafür, die Seele in der schwedischen Sommersonne baumeln zu lassen. Bei einer klassisch irischen Version von Phil Lynotts ‘Emerald’ oder dem Gary Moore-angehauchten ‘We Don’t Need A Reason’ kann man sich sicher sein, dass die besagten Herren im Grab mitgewippt haben.

Carcass

Die Death-Giganten Carcass haben ihren Promozyklus zum nunmehr vier Jahre zurückliegenden Album SURGICAL STEEL schon längst hinter sich gebracht und können deshalb vermehrt auf altes Material setzen, das heute zwar nicht im besten Sound-Gewand auf die Menge losgelassen wird, aber die Performance der Liverpooler trotzdem kaum schmälert. ‘Exhume To Consume’, ‘Corporal Jigsore Quandary’ oder ‘No Love Lost’ sind einfach gnadenlos gute Brecher, die trotz ihrer Brutalität immer wieder höchst sympathisch von Jeff Walker und Co. zum Besten gegeben werden.

Die jungen Metalheads verneigen sich vor Carcass, während die Alten doch lieber andere Bands bevorzugen, wie Walker schmunzelnd feststellt. Da ist es jammerschade, dass ihnen nach ‘Heartwork’ und ‘Mount Of Execution’ der Saft abgedreht wird, obwohl sie gerne noch eine Zugabe gezockt hätten. So genial ihr Schaffen allerdings auch sein mag, über neuen chirurgischen Stahl in Form einer neuen Platte würde sich sicher niemand beschweren.

In Flames

Die erste große Frage, die sich beim langsamen Einmarsch der Band zu den Klängen von ‘Wallflower’ stellt, ist: Seit wann haben In Flames einen Keyboarder? Und wie viel Sinn macht das? Genau genommen gar keinen, denn der junge Herr sieht zwar mit seinen geschlagenen drei Keyboards und Synthesizer immer höchst beschäftigt aus, man hört ihn aber zu keiner Zeit (vielleicht auch weil es in der Richtung einfach nichts Großes zu hören gibt?!).

Und die paar bekannten Synthie-Samples, wie etwa zum Intro von ‘Cloud Connected’ hätten auch gut und gerne wieder vom Band kommen dürfen. Das Geld hätte man besser in eine angemessene Pyro stecken können, die bei ihrem heutigen Headlinergig leider komplett ausbleibt. Nichtsdestotrotz präsentieren sich In Flames anno 2017 natürlich wieder mit einer sehr ansprechend gestalteten Licht-Show. Darüber hinaus dauert es allerdings eine ganze Weile, ehe sich die Schweden auch nur annähernd in Richtung frühes 2000er/spätes Neunziger-Liedgut herantrauen.

Das ist per se erst mal nichts Neues, es fühlt sich aber mitunter so an, als befänden sich die Herren in einer Art Häutungsphase und wollten allmählich ihre komplette Vormillenniumszeit hinter sich lassen. Schaffen sich In Flames damit selbst ab? Nein, das tun sie definitiv nicht, aber es ist eben nicht mehr das, was es einmal war, auch wenn das gesamte Song-Material der fast zweistündigen Show in sich sehr homogen wirkt, was vor allem an dem absoluten Monstersound liegt, der die deutlich poppigere Ausrichtung der letzten Scheiben doch merklich abfedert.

Im Mittelteil der Show dann aber doch noch eine faustdicke Überraschung: Es dauert etwas, bis man die leicht modernisierte Version von ‘Moonshield’ erkennt. Moment, ‘Moonshield’? Der Opener aus dem ’96er-Werk THE JESTER RACE? Richtig gehört, und gleich danach folgt gar das traumhafte Instrumental ‘The Jester’s Dance’. Wann durfte man diese Perlen das letzte Mal live erleben? Nach ‘Only For The Weak’ und ‘Cloud Connected’ ist mit der Zeitreise aber leider auch schon wieder Schluss und man hangelt sich wieder an den aktuelleren Werken entlang, die mit ‘Deliver Us’ oder ‘The End’ jedoch trotzdem noch das ein oder andere Schmankerl bereithalten.

Anders und seine Mannen stehen eben im Hier und Jetzt und leben den Moment, wozu der Säger auch in einer emotionalen Ansage zu ‘Here Until Forever’ in Gedenken an ein befreundetes Paar aufruft, das kurz vor der Trauung auf tragische Weise ums Leben gekommen ist. Nach dem leider etwas abrupten Ende mit ‘Take This Life’ ohne jegliche Zugabe, darf man trotzdem den Hut vor der Leistung ziehen, auch wenn die Erkenntnis bleibt: Früher war eben doch vieles besser. Da bleibt einem wohl nur das Schaffen der Göteborger respektvoll anzuerkennen, aber insgeheim doch auf die Neunziger-Revisited-Tour zu warten, die es vermutlich niemals geben wird.

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