Maynard James Keenan, geboren am 17. April 1964 als James Herbert Keenan, ist ein Künstler, der sich nie mit einer einzigen Rolle zufriedengegeben hat. Heute kennt man ihn als Frontmann von Tool, A Perfect Circle und Puscifer, als US‑amerikanischen Musiker mit Kultstatus und als Winzer, der in Arizona ein eigenes Weinimperium aufgebaut hat. Doch bevor er zu dieser vielschichtigen Figur wurde, war sein Leben geprägt von Brüchen und frühen Erschütterungen. Anlässlich seines heutigen Geburtstags blicken wir zurück auf sein bisheriges Leben.
Kindheit und prägendstes Erlebnis
Aufgewachsen in Ohio als Einzelkind, erlebte er mit vier Jahren die Scheidung seiner Eltern und wuchs anschließend in einem Umfeld auf, das er später im Gespräch mit dem Magazin Spin als „intolerant und weltfremd“ beschrieb. Der Kontakt zum Vater blieb zunächst sporadisch – bis ein einschneidendes Ereignis alles veränderte: Als Keenan elf Jahre alt war, erlitt seine Mutter ein lähmendes Hirnaneurysma. Dieser Moment wurde zum emotionalen Urknall seines späteren Schaffens. Songs wie ‘Jimmy’, ‘Wings For Mary (Pt. 1)’ und ‘10.000 Days (Wings Pt. 2)’ tragen die Spuren dieser Erfahrung, auch wenn Keenan selbst bis heute kaum darüber spricht. Erst der Rat seiner Mutter brachte ihn schließlich kurz nach ihrem Aneurysma dazu, zu seinem Vater zu ziehen – eine Entscheidung, die er rückblickend als die beste seines Lebens bezeichnete.
Erste Bühnenerfahrungen und Tool-Gründung
In den Achtzigern begann er, musikalisch Fuß zu fassen: zunächst am Bass bei TexA.N.S., später als Sänger von Children Of The Anachronistic Dynasty, wo bereits die erste Version von ‘Sober’ entstand – das Lied, das später Tools erste große Single werden sollte. Über gemeinsame Auftritte mit Green Jellÿ lernte er Danny Carey kennen. Eine Begegnung, die den Grundstein für Tools Gründung 1990 in Los Angeles legte.
Parallel dazu öffneten sich immer wieder alternative Wege: In einer anderen Realität wäre Keenan vielleicht sogar Frontmann von Rage Against The Machine geworden. Er jammte mit Tom Morello, Brad Wilk und Zack de la Rocha, doch die Band entschied sich schließlich für Letzteren als Frontmann. Der Erfolg von Tool ließ nicht lange auf sich warten: Bereits ein Jahr nach Gründung unterschrieben sie bei Zoo Entertainment, und das Debüt UNDERTOW (1993) erreichte rasch Goldstatus. Trotz späterer Ruhephasen blieb die Band relevant – 2019 gewann ‘7empest’ den Grammy für die „Best Metal Performance“.
Den Teller zu voll genommen
Nach Tools Zweitwerk ÆNIMA (1996) führte ein Rechtsstreit mit dem Label dazu, dass Keenan Distanz suchte und gemeinsam mit Billy Howerdel A Perfect Circle gründete, deren Debüt MER DE NOMS im Jahr 2000 erschien. Doch die parallele Arbeit an zwei großen Projekten erwies sich als Belastung: Beide Bands funktionierten als klassische Liveacts mit Label-Bindung, was Keenan schließlich dazu brachte, A Perfect Circle vorerst ruhen zu lassen und ganz Howerdel zu überlassen – allerdings mit dem Versprechen, irgendwann zurückzukehren. Zwischen 2010 und 2013 löste er dieses Versprechen ein.
Puscifer als Ventil für Maynard James Keenan
Als 2003 plötzlich der Name Puscifer im Soundtrack des Films ‘Underworld’ (2003) auftauchte, rieben sich viele Fans verwundert die Augen. Maynard James Keenan, sonst Meister der kryptischen Andeutungen, schob mit dem Lied ‘REV 22:20’ ein Projekt ins Rampenlicht, das bis dahin niemand auf dem Radar hatte. Was zunächst wie ein obskures Nebenexperiment wirkte, entpuppte sich schnell als Keenan pur. Es war roh, ungebändigt und völlig losgelöst von den strengen architektonischen Klangwelten seiner Haupt-Bands.
Puscifer wurde zu seinem kreativen Freiraum – einem Ort, an dem Improvisation, Groove und absurde Ideen nicht nur erlaubt, sondern Pflicht sind. Keenan selbst nannte es im Interview mit Spin sein „catch‑all“-Projekt – Musik, die weniger Kopf und mehr Bauch ist, hypnotisch und bewusst weit entfernt von der intellektuellen Schwere, die Tool auszeichnet. Ob im Tourbus, im Hotelzimmer oder im Studio: Puscifer entstand überall dort, wo Keenan gerade atmete. Gastmusiker wie Primus‑Schlagzeuger Tim Alexander beschrieben das Ergebnis als „totalen 180‑Grad‑Turn von Tool“.
Leinwand statt Bühne
Keenans Leben abseits der Musik wirkt wie ein bewusst kultiviertes Gegenstück zu seiner Bühnenpersona: ein Raum, in dem er seine Lust am Spiel mit Identitäten ebenso auslebt wie seine Leidenschaft für handfeste, erdverbundene Projekte. Immer wieder taucht er in absurden, oft selbstironischen Rollen auf: als (noch) fiktiver Puscifer‑Frontmann in ‘Mr. Show’, als Charles Manson für ein Magazin‑Fotoshooting oder als Satan in den ‘Bikini Bandits’-Filmen. Diese Auftritte zeigen einen Künstler, der Humor als Waffe nutzt und sich nicht scheut, Erwartungen zu unterlaufen.
Wein und Wüste
Gleichzeitig verfolgt er mit fast monastischer Ernsthaftigkeit sein zweites großes Lebenswerk: den Weinbau in Arizona. Mit Merkin Vineyards, Caduceus Cellars und Stronghold Vineyards hat er ein kleines Imperium aufgebaut, das tief in seiner Familiengeschichte wurzelt. Hier verwandelt er persönliche Verluste wie den Tod seiner Mutter in symbolische Gesten, etwa indem er ihre Asche über den Weinberg verstreute und einen Wein nach ihr benannte. Zwischen Aprilscherzen, Cameo‑Auftritten und dokumentarischen Einblicken in seine Arbeit als Winzer entsteht das Bild eines Menschen, der sich konsequent jeder eindimensionalen Lesart verweigert und seine Kreativität ebenso im Sand der Verde Valley wie auf der Bühne auslebt.
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