Wenn Jerry Fulton Cantrell Jr. heute seinen 60. Geburtstag feiert, dann feiert die Rock-Welt weit mehr als nur ein weiteres Lebensjahr eines großen Musikers. Sie feiert einen der prägendsten Gitarristen, Songwriter und Stimmen der harten Musik der Neunziger – einen Mann, dessen Riffs ganze Generationen geprägt haben und dessen Geschichte so rau, ehrlich und vielschichtig ist wie die Musik, die er erschaffen hat.
Ein Kind mit klarer Mission
Geboren in Tacoma, Washington als ältester Sohn einer Familie mit drei Kindern, wuchs Cantrell unter den Einflüssen der europäischen Wurzeln seiner Mutter auf – sie war halb Norwegerin, halb Tschechin. Schon früh zeigte sich, wohin die Reise gehen sollte. In einem Ausfüllbuch des Kinderbuchautors Dr. Seuss schrieb der kleine Jerry selbstbewusst: „Wenn ich groß bin, werde ich… Rockstar!“ Manchmal ist ein Lebensweg eben vorgezeichnet.
Ein abwesender und prägender Vater
Sein Vater Jerry Sr. war lange nicht präsent: Vietnamkrieg, Trauma, Distanz. Als er seinen Sohn zum ersten Mal sah, war Jerry Jr. bereits drei Jahre alt. Die Ehe zerbrach, als der Junge sieben war. Und doch blieb die Verbindung bestehen, tief und kompliziert. So tief, dass beide Eltern im Musikvideo zu ‘Rooster’ auftreten, jenem Song, in dem Cantrell die Kriegserfahrungen seines Vaters verarbeitet. Ein Vermächtnis, das bis heute zu den emotionalsten Momenten der Alice In Chains‑Historie zählt.
Das Musikvideo zu ‘Rooster’ seht ihr hier:
Die erste Gitarre
Musik war für Jerry Cantrell früh ein Zufluchtsort. Er spielte zunächst Klarinette, bis der Partner seiner Mutter ihm eines Tages seinen Sechssaiter in die Hand drückte. Der Sechstklässler lernte die ersten Akkorde – und hörte nie wieder auf. Er übte auf einer Akustikgitarre, bis er mit 17 auf eine elektrische umstieg. Parallel dazu entwickelte er seine Stimme weiter: Er sang im preisgekrönten Chor seiner High School und wurde sogar dessen Präsident. Die Lehrer dieser Zeit prägten ihn so sehr, dass er ihnen später Goldene Schallplatten des ersten Alice In Chains‑Albums schickte – ein Dank an jene, die an ihn glaubten, bevor es die Welt tat.
Ein musikalischer Mix: Elton John, Country und Hard Rock
Seine erste Platte war von Elton John. Jerry Cantrell bezeichnete sich selbst 1998 in einem Interview mit Guitar International als „halber Yankee, halber Redneck“ – ein Hinweis auf die Mischung aus Country, Rock und später Hard Rock, die ihn formte. Jimi Hendrix, Ace Frehley, K.K. Downing, Eddie Van Halen… Die großen Gitarrenhelden wurden zu seinen Leitsternen.
Über Umwege wieder nach Hause
1985 begann Cantrell ein College-Studium, merkte aber schnell, dass das nicht seine Welt war. Er brach ab, zog nach Dallas und schloss sich der Band von Freunden an. Dort freundete er sich mit zwei jungen Musikern an, die später Metal-Geschichte schreiben sollten: Dimebag Darrell und Vinnie Paul, damals in den ganz frühen Pantera-Jahren. Der Ruf der Heimat war jedoch stärker als der Wunsch nach Veränderung. Zurück in Tacoma gründete Cantrell seine erste eigene Band: Diamond Lie.
Der Verlust der Mutter und die Begegnung, die alles veränderte
1987 starb die Mutter des Musikers völlig unerwartet. Ein Schock, der Cantrell tief traf. Einige Wochen später ging er wieder unter Menschen – und landete bei einem Gig einer Band namens Alice N’ Chains. Dort stand ein junger Sänger auf der Bühne, dessen Stimme und Präsenz Cantrell sofort packten: Layne Staley.
Die beiden wurden schnell Freunde. Cantrell, zu jenem Zeitpunkt gerade obdachlos, schlief sogar mit Staley gemeinsam in dessen Proberaum. Die Chemie war da – nur Staley selbst zögerte, der neuen Band beizutreten. Also casteten Cantrell und Co. absichtlich schlechte Sänger (und einen Stripper), bis Staley schließlich nachgab. Das war die Geburtsstunde von Alice In Chains – einer der wichtigsten Grunge-Bands der Neunziger.
Zwei Stimmen, ein Klang
Alice In Chains waren von Anfang an anders. Zwei Frontmänner, zwei Stimmen, die sich zu einem unverwechselbaren, düsteren Harmoniegesang verbanden: Cantrell und Staley. 1992 begann Cantrell offiziell zu singen, erstmals zu hören auf der EP SAP. Nach Staleys Tod 2002 übernahm Cantrell endgültig die Rolle des Frontmanns. Die Band war nie offiziell aufgelöst, aber praktisch inaktiv. Erst 2005 fanden die verbliebenen Mitglieder wieder zusammen – mit neuer Energie, neuer Besetzung und Cantrell als Herzstück. Seit 2003 ist er clean und engagiert sich stark für soziale Projekte wie den MusiCares MAP Fund, der Musiker mit Suchtproblemen unterstützt.
In einem MTV‑Interview 2006 sagte er über die Rückkehr der Band: „Wir wollen unsere Leistung und die Erinnerung an unseren Freund feiern. Wir haben mit einigen Sängern gespielt, die das wirklich rüberbringen und ihre eigene Note einbringen können, ohne ein Layne-Klon zu sein. Wir haben kein Interesse daran, Staleys reiches Vermächtnis zu überschatten. Das ist eine schwere Sache.“ Er fuhr fort: „Nimmt man den Ansatz von Led Zeppelin und spielt nie wieder, weil der Typ so wichtig war? Das ist der Ansatz, den wir viele Jahre lang verfolgt haben. Oder probiert man es einfach mal aus, versucht etwas Neues? Wir sind bereit, das Risiko einzugehen. Es ist eine echte Wiedervereinigung, weil wir drei, die übrig geblieben sind, wieder zusammen sind.“ Abschließend stellte er fest: „Es geht nicht darum, sich zu trennen und zu vergessen – es geht darum, sich zu erinnern und weiterzumachen.“
Solo, Soundtracks, Superstars
Cantrells Solokarriere begann 1998 mit BOGGY DEPOT und fand 2024 mit I WANT BLOOD ihre jüngste Fortsetzung. Seine Liste an Kollaborationen liest sich wie ein „Who’s who“ des Rock: Ozzy Osbourne, Metallica, Pearl Jam – Cantrell war überall. Auch außerhalb der Musikwelt trieb er sich rum. Sein Lied ‘A Job To Do’ läuft beispielsweise im Abspann des Films ‘John Wick: Kapitel 2’ (2017).
60 Jahre Jerry Cantrell
Neunmal wurde Jerry Cantrell bereits für den Grammy nominiert. Doch die wahre Anerkennung kommt von seinen Kollegen. Dimebag Darrell brachte es 1995 im Gespräch mit Guitar International auf den Punkt: „Die vielschichtigen Arrangements und die authentische Atmosphäre, die Jerry Cantrell auf DIRT schafft, sind viel mehr wert als jemand, der fünf Millionen Noten spielt.“
60 Jahre Leben. Vier Jahrzehnte Musik. Unzählige Riffs, die sich in die DNS der Musik eingebrannt haben. Jerry Cantrell ist heute einer der ganz großen Namen – nicht nur, weil er den Sound von Alice In Chains geprägt hat, sondern auch, weil er nie aufgehört hat, sich selbst treu zu bleiben. Ein Rock-Star, der schon als Kind wusste, wer er sein würde. Und einer, der seinen Traum erfüllt hat, trotz aller Hürden, die das Leben vor ihn stellte.
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