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M’era Luna 2019: Von Zeitreisen und Szenehymnen

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Einmal im Jahr färbt sich das niedersächsische Städtchen Hildesheim schwarz. Das M’era Luna Festival steht vor der Tür und ist Anlaufstätte für Liebhaber düsterer Klänge sowie Bühne für experimentelle Outfit-Kreationen; oder einfach Szene-Zusammenkunft zum gemeinsamen Feiern.

Bereits vor Festival-Beginn vermelden die Veranstalter in diesem Jahr: Das M’era Luna Festival 2019 ist mit etwa 25.000 Besuchern pro Tag ausverkauft! Auch die Tagestickets für den ersten Spieltag sind bereits vorab vergriffen. Leider macht sich dies bereits bei der Anreise bemerkbar. Wer Freitagabend über die lange Bahn des Flugplatzes Drispenstedt wandert, um noch einen Platz für Zelt und Pavillon zu ergattern, hat mehr als nur schlechte Karten. Dicht gedrängt reiht Schlafstätte an Schlafstätte; Durchkommen kaum möglich. Ein Teil der früheren Fläche dient in diesem Jahr als zusätzliche Parkmöglichkeit für Wohnmobile. Der verkleinerte Zeltplatz trotz steigender Besucherzahl erweist sich, gelinde gesagt, als suboptimal.

Grün ist das neue Schwarz

Optimal hingegen ist das Engagement pro Umwelt, welches unter dem Motto „Grün ist das neue Schwarz“ steht. Weniger Einwegplastikprodukte, stattdessen abbaubare Alternativen, Müllsortierung in professionellen, externen Anlagen sowie der erstmals an der Bändchen-Ausgabe ausgehändigte gelbe Sack zeigen, dass auch im Veranstaltungs- beziehungsweise Festival-Bereich ein Umdenken stattfindet. Daumen hoch hierfür! Und jetzt nichts wie hinein in das heitere Treiben, welches wie gewohnt im Disco-Hangar mit einer fetten Party bis in die frühen Morgenstunden beginnt.

Samstag, 10. August: Doppelter Spielspaß

Zwei Bühnen werden in den folgenden Tagen teils mit Überschneidungen bespielt. Neben der großen Hauptbühne unter freiem Infield-Himmel, dient die sogenannte Hangar-Stage als zweite Spielstätte und bringt Fans regelmäßig zum Verzweifeln. Denn wer nicht früh genug kommt, dem wird der Einlass aufgrund (gefühlt) permanenter Überfüllung verwehrt. Starten hier als Opener Empathy Test in den Tag, lassen auf der großen Bühne Null Positiv und Sündenklang den Kater des Vortages hoffentlich in Vergessenheit geraten. Als wenig später Ewigheim zur Mittagszeit aufschlagen, ist der Platz bereits ansehnlich gefüllt.

Highlight am Mittag

Die drei Herren an der Front verkörpern samt Lederkluft und Sonnenbrillen Coolness durch und durch, der romantische Sound der gemischten Musiker-Truppe (Eisregen, The Vision Bleak) hingegen lädt zum dahinschmelzen ein. Bandkopf Ronny „Yantit“ Fimmel raucht dazu Kette, während Stücke wie ‘Ein Nachruf’, ‘Verzeih mir’ oder ‘Morgenrot’ durch die Kraft der Worte verzaubern und kaum weniger als pure Poesie darstellen. Welch ein Highlight zu so früher Stunde! Für anhaltende Melancholie jedoch ist keine Zeit, denn Deathstars kommen alsbald zur genau richtigen Zeit, um das aufkommende Nachmittagstief abzuwehren. Mit ihrem tanzbaren Industrial-Rock fegen die Männer aus Schweden jegliche Schwere im Sturm beiseite. Ähnlich wie der starke Wind auf dem Campinggelände das ein oder andere Pavillon beiseite fegt.

Eins, zwei, drei, vier…

Vor vollem Haus zocken die Neue Deutsche Härte-Veteranen Oomph! ein solides Set, zeigen bei ‘Träumst du’ ihre ruhige Seite, lassen die Zuhörer zu ‘Gott Ist ein Popstar’ ausrasten und sich selbst in eine Nebelwand hüllen. Die Darbietung gipfelt in ‘Augen auf’, als das gesamte Publikum mitzuzählen scheint. „Eckstein, Eckstein – alles muss versteckt sein…“ – dieser Ohrwurm hallt noch lange nach.

Zeitreise

Mindestens so lange, bis Lacrimosa mit ‘Der Morgen danach’ neues Futter liefern. Tilo Wolff und Anne Nurmi versprechen eine kurze (aber intensive) Zeitreise durch die Diskografie der Band. Der Sänger ist bereits zu hören als die ersten Takte von ‘Schakal’ erklingen, noch bevor er optisch auf der Bühne auszumachen ist und zelebriert seinen Einmarsch durch andächtiges Dahinschreiten in Richtung Mikrofon. Was die Band abliefert, macht verdammt viel Spaß. Umso trauriger ist es, als das Konzert mit ‘Ich bin der brennende Komet‘ viel zu schnell zum Ende kommt.

Elektrisierend

Doch die nächsten beiden Höhepunkte lassen keine Wehmut zu. Wie bereits auf dem Wacken Open Air zeigen sich Within Temptation auch heute in herausragender Verfassung. Frontfrau Sharon den Adel versprüht haufenweise Energie und positive Stimmung; das Publikum frisst der talentierten Sängerin nur so aus der Hand. Zur Single ‘The Reckoning’ aus dem aktuellen Album RESIST läuft das Musikvideo auf großer Leinwand im Hintergrund. ‘Ice Queen’ hingegen kommt reduzierter, im akustischen Gewand daher. ‘Paradise (What About Us?)’ gibt die Band zwar ohne Duett-Partnerin Tarja Turunen zum Besten, wird aber vom Publikum lauthals unterstützt. Als Zugaben reichen die Niederländer ‘What Have You Done’, ‘Mad World’ sowie den Klassiker ‘Mother Earth’ – herrlich!

Szenehymne

ASP sind zwar häufiger, doch (Achtung, subjektive Meinung) immer wieder gern gesehener Gast auf dem M’era Luna. Und das nicht nur, weil die Band um Alexander Frank Spreng mit ‘Schwarzes Blut‘ quasi die Szenehymne schlechthin liefert. Auch wenn der Bass etwas zu fett im ganzen Körper wiederhallt, tut das der Show nur wenig Abbruch. Schließlich warten Hits wie ‘Ich bin ein wahrer Satan’, ‘Werben’, ‘Denn ich bin dein Meister’ und natürlich ‘Ich will brennen‘ auf das tanzwütige Volk. Das Stück ‘Kosmonautilus’ nutz der Fronter, um ein neues Album für das nächste Jahr anzukündigen. Einziger Wehmutstropen: ‘Und wir tanzten (ungeschickte Liebesbriefe)’ fehlt und lässt uns doch ein klein wenig traurig ins Zelt krabbeln.

Samstag, 11. August: Keinen Bock auf Nazis!

Fear Of Domination, Scarlet Dorn und Faelder führen in den zweiten Festival-Tag, bevor Versengold durch ein politisches Statement zum Song ‘Wir tanzen nicht nach braunen Pfeifen’ aufhorchen lassen. Die Band macht klar, dass sie nicht nur dem Unterhaltungszwecke diene, sondern durchaus auch ihre Sorge um unsere Welt kommunizieren möchte. Unterstützt wird die Aussage von Sänger Malte Hoyer durch eine Fahne im Publikum mit der Aufschrift „keinen Bock auf Nazis“ und zustimmenden Applaus.

Am vergangenen Wochenende fiel der Wacken-Aufritt von Diary Of Dreams der Laune der Natur zum Opfer, als das Festivalgelände wegen drohender Unwetter kurzzeitig geräumt werden musste. Diesmal läuft alles reibungslos! Der drückend-düstere Sound zu Nummern wie ‘Made In Shame’oder ‘Epicon‘, samt der intensiven Performance der deutschen Truppe, lassen so manche Besucher gar voller Überzeugung feststellen, hier hätte soeben DAS M’era Luna-Konzert des Tages stattgefunden. Durchaus nachvollziehbar!

Volle Ladung

Von wummernden Dark Wave-Teppichen hin zu bretterndem Industrial! Combichrist haben keine Lust auf Kompromisse und setzen mit einer krassen Soundwand vielmehr auf komplette Zerstörung; auch wenn dabei (erstaunlicherweise) physisch nichts oder niemand zu Schaden kommt. Stattdessen herrscht umgreifende Bewegungsfreude zu unter anderem ‘Never Surrender’und ‘Can’t Control’. Bei Joachim Witt und seinem langen, weißen Bart könnte man kurz darauf der Annahme verfallen, Santa Claus persönlich hätte die Bühne betreten; nur eben in schwarzer Gewandung. Passt aber genauso gut und vor allem zum Opener ‘Herr der Berge’ sowie zur folgenden Aussage „Rübezahl besucht das Land“.

Künstlerischer Wahnsinn

Abgesehen davon verwirrt der Musiker zwar durch nicht ganz nachvollziehbare Ansagen (etwa: „Ich wollte eigentlich ins Kino gehen, hab‘s mir dann doch noch anders überlegt“, oder „jetzt kommt eine zehnminütige Pause, ihr könnt jetzt erst mal saufen gehen. Ich bin schon betrunken, das macht keinen Sinn mehr…“), faselt weiter wirre Dinge über menschliche Ausscheidungen und veräppelt die filmende TV-Kamera, begeistert seine Anhänger aber mit einer Auswahl gut dargebotener Stücke. Weniger reden, mehr Musik.

Spendenaufruf

Genauso handhaben es Subway To Sally; und wenn sie reden, dann haben die Worte Substanz. So ruft die Band etwa alle Besucher dazu auf, ihr Pfand an Viva Con Agua zu spenden. Die Organisation setzt sich unter andrem dafür ein, dass Menschen in Entwicklungsländern Zugang zu sauberem Trinkwasser erhalten. Doch bevor sämtliche Dosen nach Festival-Ende an den guten Zweck gehen, lauschen wir dem, was die Potsdamer heute musikalisch auftischen. Neben Stücken aus dem aktuellen Album HEY! (‘Königin der Käfer, ‘Messias’) feiern alle gemeinsam Altbekanntes (‘Kleid aus Rosen’, ‘Tanz auf dem Vulkan’, ‘Für immer’). Zu ‘Island’ bittet die Band Lord Of The Lost-Sänger Chris Harms auf die Bühne – eine schöne Überraschung.

Ausklang

Weniger schön hingegen ist die Tatsache, dass Fields Of The Nephilim keine Fotografen zu ihrer Show zulassen. VNV Nation stimmen alle hoffentlich wieder versöhnlich und laden zum letzten Aufbäumen, bevor einige bereits wenig später die Heimreise antreten. Ob das baldige Festival-Ende der Grund ist, warum zum Song ‘Illusion’ so manches Tränchen kullert? Ihr braucht nicht traurig sein! Das nächste M’era Luna wartet schon; und Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Dabei sind unter anderem Bands wie Schandmaul, Lord Of The Lost, Feuerschwarz, Megaherz, Ost+Front, Unzucht uvm.

Tops & Flops:

Lisa Gratzke

Top: Within Temptation sind auf ihrem Live-Höhepunkt, Lacrimosa wecken Erinnerungen an die ersten Festivalschritte, ASP bescheren Gänsehaut, perfektes Wetter, nette Mitfahrgelegenheiten, die Camping-Crew mit selbstgebauter Dusche (ihr Wahnsinnigen! <3) und gekaufte Schmusedrachen (für manchen Scheiß ist man eben nie zu alt).

Flop: Zu voll, zu hohe Preise für Essen und Getränke, zu wenig Campingfläche.

Birger Treimer (Fotograf)

Top: ASP, Within Temptation, Diary Of Dreams, Deathstars, VNV Nation, leuchtende Mülltonne und Pikachu nachts um 02:00 Uhr auf dem Rollfeld.

Flop: Das Popoclub-Camp, weil die Anlage abgeraucht ist.

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METAL HAMMER PARADISE 2019: Alle Infos zum Festival

Achtung, jetzt kommt’s noch mal richtig dicke: Am Freitag begrüßen wir zusätzlich zum Headliner Steel Panther und deutschen Größen wie Saltatio Mortis oder Destruction die Londoner Heavy-Thrasher Savage Messiah sowie die österreichisch-französischen Symphonic-Metaller Visions Of Atlantis (eine spannende Story zum Album und mehr findet ihr in diesem Heft) und die Thüringer Nachwuchs-Rocker Motorowl. Ein paar weitere Hochkaräter legen wir am Samstag zusätzlich zum Headliner Powerwolf und Schwergewichten wie Amorphis und J.B.O. nach: Wie von vielen von euch gefordert, heißen wir die Kultschmiede Riot V herzlich auf unserem Festival willkommen. Zudem thrashen uns Bonded (mit zwei ehemaligen Sodom-Mitgliedern) um den Verstand,…
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