Arch Enemy: Philosophen der Apokalypse

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Um sowohl die Bandbreite des Albums als auch die Vielfalt von Arch Enemy zu erfassen, höre man nur ‘Poisoned Arrow’, ihre zweite Power-Ballade, die abgerundeter und schlüssiger klingt als ihr geistiger Vorgänger ‘Reason To Believe’, und ‘Deceiver, Deceiver’, den hardcore-punkig-rockenden sowie metallisch-bebenden Quasi-Titel-Track. Was die beiden musikalisch so unterschiedlichen Songs verbindet (neben dem beschriebenen, allgegenwärtigen Arch Enemy-Faktor), sind die Texte: Beide Stücke spielen auf einer sehr persönlichen, zwischenmenschlichen Ebene, beschäftigen sich mit dem, was man heute toxische Beziehungen nennt, mit missbrauchtem Vertrauen und Enttäuschung. „Ähnliche Ansätze hatten wir schon in ‘No More Regrets’ und ‘Never Forgive, Never Forget’ (beide auf WAR ETERNAL – Anm.d.A.), das ist also nicht völlig neu für uns“, entkräftet Amott die Theorie, vermehrt bodenständigere oder persönlichere Themen zu verarbeiten.

Erstklassiger Brei

„Diese Texte stammen von mir; das heißt aber nicht, dass es mir genauso ergangen wäre. Es ist nur interessanter, aus der Ich-Perspektive zu schreiben – es kann sich um generelle Beobachtungen handeln oder einem Freund zugestoßen sein, der mir davon erzählt, und ich spinne die Geschichte in Gedanken weiter. Generell habe ich eine Vorliebe für emotionalere Blickwinkel statt intellektueller Herangehensweisen – das gilt für Texte wie Musik; am wirkungsvollsten ist doch, wenn sich beides miteinander vermählt.“ Erneut kommt zum Tragen, dass bei Arch Enemy viele Köche mit unterschiedlich geprägten Geschmäckern gemeinsam einen erstklassigen Brei anrühren. Alissa White-Gluz steuert nicht nur eigene Texte aus einer ganz anderen Richtung bei, sondern scheut sich auch nicht, ihre Note in den Stücken ihrer Kollegen einzubringen. Nicht zuletzt die an William Shakespeares ‘Macbeth’ angelehnte Zeile „Thou beest slain, tyrant, show thy face!“ in ‘Deceiver, Deceiver’ stammt aus ihrer Feder.

„Als ich es endlich nach Europa geschafft hatte, gingen wir alles gemeinsam durch“, lässt sie ins Dichterstübchen blicken. „Das Zitat und der Song-Titel standen da noch nicht fest. Anders als Michael habe ich eine Vorliebe für verkopfte statt emotionale Texte – ich bin keine sehr romantische Person, sondern habe beim Singen lieber ein Lehrbuch vor mir. Wir warfen uns gegenseitig Wörter zu, und blieben an ,deceiver‘ (englisch für Betrüger, Schwindler – Anm.d.A.) hängen. Wir verfolgten das weiter und sponnen diese Zeile von Shakespeare aus, die vom Rhythmus und Reimschema perfekt passte – diesen geradlinigen, brutalen Refrain mit dieser poetischen Zeile zu beschließen, gefällt mir sehr gut.“

Jeder gegen jeden

Es bleibt nicht bei diesem einen Zitat. Auch der französische Dramatiker und Philosoph Jean-Paul Sartre (1905-1980) kommt zum Zug: Seine klassische Zeile „Die Hölle, das sind die anderen“ aus ‘Geschlossene Gesellschaft’ schmückt ‘Handshake With Hell’. „Das Zitat wird gerne diskutiert, und ich liebe es, mich mit Derartigem zu beschäftigen. Philosophie und die menschliche Psyche faszinieren mich“, bekräftigt White-Gluz. Sartres existentialistisches Drama bekommt bei Arch Enemy einen zeitgemäßen Dreh – der Song lässt sich gesellschaftskritisch, gar antikapitalistisch interpretieren. „Wir befinden uns in einer Phase, in der die gesamte Welt miteinander vernetzt ist – egal, wer man ist, in welchem Land man lebt, welche Sprache man spricht, alles ist auf Knopfdruck verfügbar. Das Internet schien eine utopische Welt mit einer globalen Gemeinschaft zu sein.

Aber aus meiner Perspektive hat sich das in den letzten Jahren in eine Dystopie gedreht – statt dieses wunderbare Ding zu haben, wo wir alle zusammenarbeiten, ist fast alles polarisierend, spaltend und voller Hass. Jeder gegen jeden – aber so ist die Natur des Menschen, oder? Wir können keine schönen Dinge haben. Das ist die Welt, in der wir leben, voller Hürden, Ängste und Probleme – die Sorgen der gesamten Welt prasseln wegen der Leichtigkeit der Kommunikation auf uns nieder, und wir sinken gemeinschaftlich in die Hölle herab, wo es keine Wahrheit und nur noch Hass gibt.“

Unter welchen Luxusproblemen Arch Enemy leiden, wie die aktuelle Atmosphäre innerhalb der Band ist und wie weit der Klimawandel das Album DECEIVERS beeinflusst hat, lest ihr in der umfangreichen Titel-Story in der METAL HAMMER-Juliausgabe.


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