Es sollte nichts Besonderes sein, wenn eine Band eine Musikerin einstellt anstatt ein männliches Pendant. Es sollte auch selbstverständlich sein, dass Bands mit weiblicher Besetzung genauso gut gebucht werden wie komplett männlich besetzte Formationen. Schließlich sind die Wurzeln des Rock’n’Roll auf eine schwarze Frau zurückzuführen. Sister Rosetta Tharpe untermalte einige ihrer Gospel-Songs mit einer flotten E-Gitarre und wird deswegen von vielen als Mutter des Genres verehrt. Trotzdem ist es ärgerlicherweise immer noch überraschend, wenn mal eine Frau ran darf. Rock- und Metal-Festivals sind zweifellos nach wie vor von männlichen Bands dominiert, und die Headlinerslots sowieso. Und auch wir müssen uns an die eigene Nase fassen. Nur 28-mal zierten Frauen einen METAL HAMMER-Titel, seit Doro Pesch 1985 das erste Mal auf dem Cover zu sehen war. Ist das schon die große feministische Revolution?
Größeres Bewusstsein
Das Bewusstsein für die Thematik scheint zumindest gewachsen zu sein. Immer mehr Bands mit weiblicher Besetzung stürmen den Metal-Mainstream. Arch Enemy waren mit ihrer (nun ehemaligen) Sängerin Alissa White-Gluz immer wieder Headliner auf dem Summer Breeze Open Air. Courtney LaPlante von Spiritbox oder Jinjer-Frontfrau Tatiana Shmayluk growlen sich den Weg an die Spitze der Szene und werden von Tausenden dafür bejubelt. Babymetal tanzen und singen schneller als ihr Schatten, und das Wacken Open Air hat seit 2023 still und heimlich eine Art inoffiziellen Frauentag, mittwochs, auf der Louder Bühne.
Zudem werden besonders in den letzten paar Jahren augenscheinlich immer öfter Musikerinnen angeheuert, um den Platz verhinderter oder verstorbener Kollegen einzunehmen. Emily Armstrong frontet Linkin Park und ehrt so Chester Bennington. Gitarristin Annika Jaschke tritt seit 2024 mit Hämatom auf, nachdem Bassist West 2023 plötzlich gestorben war. Primal Fear rocken mit der italienischen Gitarristin Thalìa Bellazecca an ihrer Seite, und Fever333 haben sich mit April Kae am Bass neu aufgestellt. 2025 versetzt Growlerin Britta Görtz die Metal-Welt am Mikrofon von Heaven Shall Burn einen Sommer lang in Ehrfurcht.Gleichberechtigung
Und als Sahnehäubchen für dieses Jahr haben sich die Prog-Legenden Rush die deutsche Ausnahmeschlagzeugerin Anika Nilles für ihre Reuniontour gesichert. Weibliche Metalheads und Musikerinnen waren lange Zeit, wenn überhaupt, in Gestalt einer (keineswegs zu verachtenden) Tarja Turunen oder Amy Lee eher in symphonischen Gefilden zu hören. Nun scheinen sie auch langsam außerhalb des Symphonic-Genres im Metal anzukommen zu sein. Das gilt es zu feiern, denn jeder Schritt in Richtung Gleichberechtigung ist ein wichtiger.
Dennoch ist es notwendig, auch ehrlich miteinander zu sein: Auf deutschen und internationalen Festival-Bühnen sieht es bitter aus. Während kleine Festivals diverser und fairer besetzt werden, kommen besonders große Festivals wie beispielsweise Rock am Ring mit ihrem gesamten Frauenanteil im Line-up oft nicht über zehn Prozent. Das Wacken Open Air glänzte 2019 mit insgesamt circa 314 männlichen Performern und 13 Frauen, wie die Expertin Rike van Kleef berichtet. Unter den ersten zehn Headlinern spielten 45 Männer; Sharon den Adel (Within Temptation) war die einzige Frau.Frauenpower
Es werden noch immer kaum Bands mit Frauenanteil auf Headlinerslots gebucht. 2025 waren beim Wacken Open Air zwar immerhin circa 20 Prozent der Bands zumindest geschlechtergemischt – unter den Headlinern war jedoch keine einzige Frau. Diese Bilanz macht auch 2026 das Download Fest mit Linkin Park als erstem „Female fronted“-Headliner nicht mehr wett. Zwar erfüllt Emily Armstrong dort auf der großen Bühne ihre Rolle als Vorbild, trotzdem ist sie in erster Linie aufgrund der vorangegangenen Erfolge ihrer männlichen Band-Kollegen dort zu sehen.
Rein weiblich besetzte Bands wie Babymetal oder Dogma strahlen auf den ersten Blick vielleicht Frauenpower aus. Auf den zweiten Blick entdeckt man jedoch die männlichen Entscheidungsträger im Hintergrund, die ihre Frontfrauen wie Marionetten tanzen lassen. Thundermother, deren Ableger The Gems, Crypta, Cobra Spell oder Burning Witches machen dagegen auf eigene Faust ordentlich Krach und erfreuen sich großer Beliebtheit – spielen aber regelmäßig zur Mittagszeit anstatt abends mit den Großen. Und die zuvor genannten Spiritbox und Jinjer kratzen noch immer gerade so am gläsernen Dach der Headlinershows, obwohl sie längst die Chance verdient hätten, diese Barriere zum Einsturz zu bringen.Viel nachzuholen
Zwar hat Metal in Sachen Feminismus noch viel nachzuholen, doch 2025 hat sich für Frauen durch die Strahlkraft einiger Vorreiterinnen viel getan. Emily Armstrong konnte sich weltweit auf der Linkin Park-Tour beweisen. Britta Görtz ist noch immer in aller Munde und kann den mit Heaven Shall Burn erlangten Schwung für Hiraes (oder mehr?) nutzen. Und Anika Nilles fängt nächstes Jahr erst recht damit an, das Rush-Publikum zum Staunen zu bringen. Die Revolution hat begonnen. Auf in den Kampf!
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