Die Welt ist im Wandel, und an der Metal-Industrie geht das nicht spurlos vorbei. Wirft man einen Blick in die Label-Welt, ist der Umbruch besonders stark zu spüren: Einstige Branchen-Riesen setzen verstärkt auf digitale Veröffentlichungen oder „den Katalog“ (aka Re-releases) und entlassen hinter den Kulissen jede Menge über Jahr(zehnt)e etabliertes Personal. Diese Entscheidungen mögen ihre Gründe haben, kommen aber verständlicherweise nicht sonderlich gut an und zwingen Bands mit (auch oder vor allem) an physischen Tonträgern interessieren Zielgruppen zum Überdenken ihrer Strategien.
Auf den Markt (und damit ins Interessensgebiet der Labels) drängen heute nicht nur unzählige KI-Bands, die Streaming-Portale fluten und zum Teil überraschende Erfolge einfahren (etwa The Velvet Sundown), sondern auch Influencer, Streamer und andere Internet-Phänomene (wie HandOfBlood), die ihre Reichweite nutzen, um ins reale Geschäft einzusteigen. Dankenswerterweise behaupten sich im Metal aber noch immer einige Indie-Labels (teils sogar mit eigenem Presswerk) sowie kleinere Plattenfirmen, bei denen Motivation und Hingabe spürbar großgeschrieben werden.Erodierende Muster
Im täglichen Miteinander fällt auf, dass gewohnte Muster zusehends erodieren: Immer mehr Bands und ihren Teams scheint das Verständnis für eingespielte Ab- und Vorläufe zu fehlen – sei es im Hinblick auf die Arbeit mit (zugegebenermaßen langsamen) Print-Magazinen oder die Anmeldung für die offiziellen Charts (so erklärt sich womöglich der ein oder andere verpasste Einstieg). Verständlich, schließlich sind diverse Kanäle zu bedienen und seriöse Interviews aufwändig und riskant – immerhin kann man die eigene Wahrnehmung heute selbst steuern, ohne unangenehme Fragen beantworten zu müssen. Andererseits stehen Print-Features bei Bands und ihren Vertretern weiterhin hoch im Kurs und werden mitunter sogar als Ehre angesehen.
Besonders schön: Viele Headliner begreifen einen Hefttitel nach wie vor als wichtiges Tool ihres Marketing-Plans. Ganz zum alten Eisen zählt Print also offenbar noch nicht, auch wenn sich Promo- und Tourneephasen umdrehen und mischen, wodurch Musiker oft schwer für Interviews greifbar sind. Doch irgendwoher muss das Geld kommen – neue Alben eignen sich dafür leider kaum mehr. Metal in den Charts ist im deutschsprachigen Raum zwar immer noch ein Ding, physische Verkäufe befinden sich aber weiterhin im Rückschritt. Verglichen damit sehen die Verkaufszahlen der letzten Magazine gar nicht mal so schlecht aus …Aufmerksamkeitskrieg
Die Veränderung des Gewohnten birgt aber auch Chancen: Nie zuvor hatten Bands ihr Schicksal so sehr in der eigenen Hand. Das Zauber- (oder Schauder-)wort heißt Social Media – wer hier gut performt und regelmäßig starken Content liefert, erhöht die eigene Sichtbarkeit und kann schon vor nennenswerten musikalischen Großtaten viele Fans generieren und Gigs an Land ziehen. Der Effekt: Einige relativ neue Bands, von denen man zumindest teilweise noch nie gehört hat, rauschen wie Raketen an anderen vorbei und bespielen scheinbar aus dem Nichts riesige Hallen, während etablierte (Mittel-)Größen seit Jahr(zehnt)en in denselben Clubs vor sich hin darben oder nur schleppend Fortschritte machen. Für derartige Blitzerfolge muss man sich in der Regel jedoch im wahrsten Sinne des Wortes (oder emotional) nackt machen – und das ist weiterhin nicht jedermanns Sache.
Natürlich ist es zu begrüßen, dass junge Bands eine gewisse Selbstwirksamkeit als Motivation erleben und durch gelungene Außendarstellung aufsteigen können. Andererseits drohen introvertierte und nicht auf Exhibitionismus getrimmte Gruppen im großen Aufmerksamkeitskrieg unterzugehen. Im Metal ist dies besonders schade, schließlich geht es hier immer noch um die Musik. Die Social Media-Manager derartiger Bands – ein Beruf, der längst existiert und oft für mehrere Gruppen parallel ausgeübt wird – stellt das vor die Aufgabe, Formate zu ersinnen, die zu ihren Schützlingen passen und diese effektiv ins richtige Licht rücken.Wertschätzung, Respekt und Authentizität
Ganz kontrollieren lässt sich die eigene Marke trotzdem nicht – das offenbarte 2025 die Causa Cradle Of Filth. Nach schwerwiegenden Vorwürfen sowie dem Abgang zweier Mitglieder entbrannte online eine Schlammschlacht um die Deutungshoheit im Streitfall, der nun offenbar sogar vor Gericht landet. Der Grund des Anstoßes spülte eine Frage an die Oberfläche, über die es sich nachzudenken lohnt: Wie werden Musiker in Bands entlohnt, welche Verträge existieren und wie prekär leben sogenannte „Hired Guns“, die nicht zum etablierten Personal zählen, sondern „nur“ live mitmischen? Ein willkommener Weckruf mit zum Teil erschreckenden Erkenntnissen – zumal sich ein ähnliches Schauspiel einige Monate später bei den (nach Darstellung mehrerer Ex-Musikerinnen von einem misogynen Management ausgenutzten) Nonnen Dogma wiederholte.
Einmal mehr sollte man vor diesem Hintergrund darüber nachdenken, was sämtliche in der Livebranche tätigen Gewerke jeden Abend leisten, um unsere Lieblingsmusik auf die Bühne zu zaubern – teils unter anhaltend schwierigen Bedingungen. Schön zu sehen, dass es seit der Pandemie zumindest bei einigen Bands zum guten Ton gehört, sich bei der eigenen Crew zu bedanken. Wertschätzung, Respekt und Authentizität bleiben am Ende des Jahres eben die wichtigsten Tugenden im Metal – nach wie vor.—
Bestens informiert über dieses und alle weiteren wichtigen Themen im Metal bleibt ihr außerdem mit unserem Newsletter. Einmal pro Woche flattert euch übersichtlich sortiert ein Update ins Postfach. Einfach anmelden, damit euch auch sicher nichts entgeht.
