Rammstein: Wertschau

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Mit welchen musikalischen wie inhaltlichen Mitteln konnten Rammstein zu einem derart gewaltigen Monstrum heranwachsen, und was taugen die weder von Mitgliederwechseln noch allzu krassen Stilveränderungen geprägten Werke der Gruppe? In unserer Diskografie-Analyse lest ihr eine Einordnung aller bisherigen Studioalben. Wo sich das neue Werk ZEIT (VÖ: 29.04.2022) wohl einordnen wird?

Goldwert

LIEBE IST FÜR ALLE DA (2009)

„Wer wartet mit Besonnenheit, der wird belohnt zur rechten Zeit. Nun, das Warten hat ein Ende: Leiht euer Ohr einer Legende!“ So beginnt das sechste Opus der selbsterklärten Legenden. Man kann es als Konzeptwerk über die Liebe deuten – von in- wie externer Hingabe an die Band (‘Rammlied’, ‘Haifisch’) über die Sehnsucht nach Verbotenem und Abgründigem (‘Ich tu dir weh’, ‘B********’, ‘Pussy’, ‘Mehr’; vielleicht auch ‘Waidmanns Heil’) und das echte Liebeslied ‘Frühling in Paris’ bis hin zu den beängstigenden Konsequenzen falscher Begierden (‘Wiener Blut’, ‘Roter Sand’). Dazu zählt auch der zusammenfassende Titel-Track, der als Interpretationsschlüssel für das Gesamtwerk dient. Lindemann protzt zugleich mit an Bildungsliteratur angelehnten intelligenten Texten und absurden Wendungen.

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Skandale provozierte nicht nur der Launch von ‘Pussy’ auf Pornoplattformen, sondern auch die Optik des Booklets. Musikalisch marschieren die Deutschen eingängig und massentauglich dahin, im Zusammenspiel mit dem jeweiligen Inhalt wirkt jedoch jeder Track stimmig instrumentiert (empfehlenswert sind auch die nicht ins Konzept passenden Bonustracks). Nicht zuletzt deshalb hinterlässt das ausgereifte, durchgängig starke Album einen so runden Eindruck.

REISE, REISE (2004)

Episch geben sich Rammstein auch auf ihrem vierten Werk: Schon der Titel-Track schraubt die Härte zurück und klingt stattdessen wie eine orchestrierte, mit Schifferklavier veredelte Offenbarung – ein perfekter Einstieg! Großartig geht es weiter: Mit ‘Mein Teil’ greifen Rammstein das zu ihrem Skandal-Image passende Thema Kannibalismus auf und beziehen die Inspiration aus einem zeitgenössischen Thema („Der Kannibale von Rotenburg“) – ein Dreh, den selbst Kritiker nicht verstehen können.

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Doch das mit Chören und Orchester in Szene gesetzte Album überzeugt auf ganzer Linie: Ob mit zynischen Länderhymnen wie ‘Amerika’ und ‘Moskau’, bösartigen Charakterstudien wie ‘Keine Lust’, ‘Morgenstern’ oder ‘Stein um Stein’ und Kleinoden wie der introvertierten Erlkönig-Hommage ‘Dalai Lama’, der wunderbaren Ballade ‘Ohne dich’ und dem gefährlichen ‘Amour’. REISE, REISE mag weniger lärmen und brachiale Töne verbreiten als frühe Werke – trotzdem oder vielleicht gerade deshalb beinhaltet es einige der stärksten Stücke der Band-Historie und keinen einzigen Ausfall.

Liebenswert

MUTTER (2001)

Das knapp vier Jahre nach seinem Vorgänger erscheinende Werk mit dem Fötus offenbart gleich zu Beginn musikalische Neuerungen: ‘Mein Herz brennt’ wartet mit der Kombination von brachialem Refrain und den orchestral unterfütterten Passagen des Filmorchesters Babelsberg auf. Dieses ist auch in weiteren Passagen zu hören (und verhilft selbst ‘Rein raus’ zu Gehalt). In dieser Form klingen Rammstein pompöser und erhabener, büßen aber nicht viel Härte ein. Gewohntere Klänge verbreitet das Marschlied ‘Links 2 3 4’, mit dem sich die Band klar positioniert – wenig subtil, aber wichtig und effektiv.

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Im Verlauf zeigen sich die Sechs wandelbar: Brachial-melodische Hymnen wie ‘Ich will’, ‘Feuer Frei!’, ‘Zwitter’ oder ‘Adios’ dominieren, es findet sich aber auch Getragenes wie ‘Sonne’, der Titel-Track oder das mit einer Kinderstimme aus dem Familienkreis veredelte ‘Spieluhr’. Die obligatorische, wenngleich zurückbleibende Ballade (‘Nebel’) steht diesmal ganz am Ende. Auch ohne Konzept klingt MUTTER in sich schlüssig und ebnet Rammstein den Weg zu neuen musikalischen Ufern, ohne sich zu verleugnen – ein wichtiges drittes Album, mit dem sich die Band endgültig etabliert.

Unbetitelt (2019)

Schon die Verweigerung eines Titels spricht Bände – das Album heißt eben nicht, wie oft kolportiert, RAMMSTEIN. Auch die Schlichtheit des Artworks besticht und steht im Kontrast zum Vorboten, dem bilderstürmenden Video zu ‘Deutschland’. Mit dem Teaser zur großartigen ersten Single foppt die Band das Feuilleton und die Mentalität, in vagem Halbwissen vorschnelle Urteile zu treffen – typisch Rammstein! Musikalisch auf Eingängigkeit wie Opulenz getrimmt und mit thematisch passenden Details gespickt, beinhaltet das Werk diverse Höhepunkte: Da gibt es Stimmungs-Hits wie ‘Radio’ (mit dem die einstigen DDRler dem eskapistischen Medium huldigen) oder ‘Ausländer’ (eine Fortführung von ‘Pussy’).

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Musikalisch und thematisch härter kommt die nicht pauschal abwertende, sondern intelligente Kirchenkritik ‘Zeig dich’ daher; unter die Haut gehen aber auch das gruselige ‘Hallomann’ und ‘Puppe’, das dank Lindemanns emotionaler Eruption Gänsehaut garantiert – glaubwürdiger haben Rammstein die Genese eines Psychopaten selten vermittelt. Zurück bleiben weniger subtile Lieder (‘Was ich liebe’, ‘Diamant’), wobei das hymnische ‘Sex’ und das zackige ‘Tattoo’ musikalisch zufriedenstellen. War der siebte Streich die fast zehnjährige Wartezeit wert? Absolut – mit allen Höhen und Tiefen.

SEHNSUCHT (1997)

Rammstein professionalisieren sich und überlassen knapp zwei Jahre nach ihrem Debüt nur wenig dem Zufall: Neben der ausgearbeiteten Optik führt der gelungene Titel-Track in ein konzeptuelles Thema ein – die emotionale oder sexuelle Sehnsucht nach weit Entferntem oder gar Verbotenem. Rammsteins harter Industrial schreitet im Stechschritt voran, entwickelt dank auffälligen Keyboard-Passagen aber Eingängigkeit – unter anderem enthält die Platte den späteren Livehit ‘Engel’. Der interaktive Publikumsliebling ‘Du hast’ zeigt Lindemanns Vorliebe für Wortspiele; ‘Alter Mann’ hinterlässt indes den Eindruck eines kryptischen Schauermärchens.

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Unmissverständlich spricht das Sextett Themen wie sexuellen Missbrauch (‘Tier’, ‘Spiel mit mir’) oder lüsternes Verlangen (‘Bück dich’, ‘Küss mich (Fellfrosch)’) an; einen spannenden Kontrast zur meist zackigen Musik bildet die an ‘Seemann’ erinnernde Ballade ‘Klavier’. Dank all dieser Tugenden hinterlässt SEHNSUCHT insgesamt einen runden Eindruck.

Erwähnenswert

HERZELEID (1995)

Aller Anfang ist schwer – selbst für Rammstein. Sechs eingeölten Muskelmännern und einer Blume auf dem Cover zum Trotz wartet ihr Debüt mit einigen guten Liedern auf. Grundsätzlich ist forsch vorangehendes (von Kritikern gerne als „stumpf“ bezeichnetes) NDH-/Stakkato-Riffing angesagt; die Marschroute legt das eröffnende ‘Wollt ihr das Bett in Flammen sehen’ fest, in dessen geklatschtem Ende sich bereits die Freude der Band an der Vorgabe der Publikumsreaktion offenbart. Die meisten Stücke klingen grobschlächtig und wenig feinfühlig, im Fall von Titel-Track und ‘Laichzeit’ sogar seltsam bis verstörend.

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Die Texte kommen unverblümt zur Sache und lassen mit Akzenten wie Kindergeschrei (‘Das alte Leid’) wenig Raum für Fantasie. Selbstredend provozierte das Album Unverständnis und Skandale; zudem wurde die Band aufgrund einer wie „Heil!“ klingenden Passage in ‘Heirate mich’ in die rechte Ecke gedrängt. Trotz allem stehen Stücke wie das letztgenannte, ‘Du riechst so gut’ und ‘Rammstein’ zu Recht noch immer im Liveset. Eine besondere Rolle spielt ‘Seemann’, die bis heute schönste Ballade der Band – ein seltener gefühlvoller Moment auf einem kompromisslosen wie erstaunlichen Erstwerk.

ROSENROT (2005)

Nur ein Jahr nach REISE, REISE erschien die vermeintliche Graupe ROSENROT. Dabei beginnt der 48-Minüter mit der furiosen Suchthymne ‘Benzin’. Ähnliche Brachialität und Triebthematik beinhalten das mit türkischem Singsang beginnende und geheimnisvoll endende ‘Zerstören’, das eindringliche ‘Hilf mir’ sowie das in den Strophen zurückhaltende und im Refrain wuchtige ‘Mann gegen Mann’. Neben diesen typischen Stücken darf das kafkaeske ‘Spring’ nicht vergessen werden – einer dieser irren Wahnträume, für die man Rammstein einfach lieben muss. Das mit Chören veredelte ‘Wo bist du?’ zeigt erneut die Balladenstärke der Band auf, während das deutsch-englische Duett ‘Stirb nicht vor mir / Don’t Die Before I Do’ mit Sharleen Spiteri nett, aber untypisch klingt.

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Irgendwie krude wirkt auch der unaufgeregte, allzu lieblich formulierte Titel-Track. Selbst ‘Feuer und Wasser’ will trotz gelungener Steigerung und tollem Refrain nicht final überzeugen – dann lieber wenig hochtrabende Fan-Huldigungen wie die wilde Mexiko-Hommage ‘Te Quiero Puta!’ mit Carmen Zapata und ‘Ein Lied’. Solides Material, doch das eisige Artwork zeigt es an: Wirklich warm wird man mit diesem Album nicht.

Beklagenswert

REMIXES (2020)

Natürlich wollen Fans so viel wie möglich von ihren Lieblingen erhaschen, stehen auf alle denkbaren Absonderlichkeiten und Alternativversionen. Dass diese Sammlung im März 2020 still und heimlich lediglich digital veröffentlicht wurde, kann aber kein Zufall sein: Die über Spotify erhältliche „digitale Box“ enthält 72 alternative Remixes (über fünfeinhalb Stunden), die zwischen 1994 und 2012 auf den Singles der Band zu finden waren und es nicht auf die RARITÄTEN-Sammlung (2012) geschafft haben – der Ausschuss vom Ausschuss.

Ein paar Stücke verschwinden in instrumentalem Techno; einige mal besser, mal schlechter hörbare Remixe stammen von Künstlern wie Clawfinger, Westbam oder Devin Townsend (inklusive Pupsgeräuschen). Immerhin sind Raritäten wie ‘Feuerräder’ (Live-Demoversion 1994), ‘Wilder Wein’ (Demoversion 1994), das von Flake gesungene Ramones-Cover ‘Pet Sematary’ (Live) und das englische ‘Amerika’ dabei. Ganz spaßig und momentan ein netter Zeitvertreib – dennoch ist es ein Segen, dass dafür kein physisches Produkt Rohstoffe verschlingt und im eigenen Wohnzimmer Staub ansetzt.

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