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Außergewöhnliche Musik-Genres

Lauschaffäre: Was ist eigentlich Dark Jazz?

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Es ist schwer vorstellbar, dass es ein Musik-Genre gibt, das ein noch durchmischteres Publikum vor schlecht beleuchtete Bühnen zieht: Dark Jazz spricht zuallererst Jazz-Fans an, allerdings finden sich auch Freunde des Doom, Metal und Ambient in der Anhängerschaft bedeutender Bands.

Kind der 90er

Entstanden ist Dark Jazz Anfang der 90er-Jahre. Als Bezugsrahmen wird der Extreme Metal gesehen. Dark-Jazzer vereinen die schleppenden, finsteren Elemente des Doom mit den Klängen und Instrumenten des Jazz. Die Musik erinnert an Filmmusik und hat die Macht, komplette Kulissen in den Köpfen der Hörer zu kreieren. Dark Jazz ist langsam, unheimlich, wunderschön unzugänglich.

Mit seiner Filmmusik für TWIN PEAKS ist Angelo Badalamenti ein Pionier des Dark Jazz. Zweifellos. Doch gelten Bohren & der Club of Gore als das erste Projekt, das eindeutig dem Dark Jazz zuzuordnen ist.

Morten Gass mit Bohren & der Club of Gore.
Morten Gass mit Bohren & der Club of Gore.

Bohren & der Club of Gore

Bohren & der Club of Gore sind langsam. So langsam, dass man glaubt, der Atem der Instrumente bleibt gleich stehen. So leise, dass der Zuhörer nicht anders kann, als sich während des bloß schummrig beleuchteten Konzerts auf den vibrierenden Boden zu legen, um den sanften, düsteren Klängen der Mülheimer Band zu lauschen. Bohren & der Club of Gore sind abwechslungsarm, meditativ und karg.

Trotzdem gründete die deutsche Gruppe, die ursprünglich im Heavy Metal und Hardcore begann, ein Genre, das fast keiner kennt: den Dark Jazz, den Horror Jazz, auch bekannt als Jazz Noir. Langgezogene Töne, schiefe Töne, allzeit bereit, um dem Hörer ein flaues und doch wohliges Gefühl im Magen zu bescheren. Wenn man so will: Bohren & der Club of Gore machen seit Mitte der 90er extrem außergewöhnlichen Doom, extrem schleppenden, finsteren Jazz.

Ereignislose Düstermusik

2014 veröffentlichten Bohren & der Club of Gore ein Album, das den Namen PIANO NIGHTS trägt. Und wenn zum ersten Mal die Finger in die Tasten gleiten, wenn der erste angestimmte Ton einen elendig langen Schlund eröffnet – und nicht mehr zu schließen vermag – weiß der geübte Hörer der ereignislosen Düstermusik: Er ist angekommen in der Einsamkeit.

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The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble

The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble machen Musik zu Filmen, die nie ihre Stimme gefunden haben. Musik für Köpfe, die sich erfüllen möchten –mit an Jazz angelehnten Sounds, die Ausflüge machen in die Universen des Doom, Drone und der Klassik. The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble entführt einen in die Mitte eines Moorfelds und lässt einen nicht mehr gehen – um einen herum schwirrende, leuchtende Insekten. Atmosphäre können sie, die Köpfe um Jason Köhnen.

Teil des Untergrunds

Mit Bohren & der Club of Gore und dem weiter unten aufgeführten The Dale Cooper Quartet gehören The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble zu den bedeutendsten Vertretern des Dark Jazz – trotzdem verblieb die Band aus Utrecht weitestgehend unter der Oberfläche des riesigen Musikstrudels. 2016 veröffentlichten sie ein Album, das zu finden es gilt, denn HERE BE DRAGONS ist vergriffen. Gleichzeitig kann es als Herzstück der Gruppe angesehen werden; als das Album, das direkt aus der Jazzhölle kam. MUTATIONS ist der noch im selben Jahr erschienene Nachfolger.

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The Mount Fuji Doomjazz Corporation

Wie der Name vielleicht bereits verrät, entstand The Mount Fuji Doomjazz Corporation als Nebenprojekt des Masterminds Jason Köhnen von The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble. Tatsächlich handelt es sich bei den beiden Bands um Gegenstücke: Während The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble Songs linear komponiert und sich strickt an jene Vereinbarungen hält, erscheinen von The Mount Fuji Doomjazz Corporation ausschließlich rein improvisierte Werke.

Formvollendung in der Improvisation

Die Band nimmt sich selbst als relativ frei wahr: Zu den Hauptmitgliedern Jason Köhnen und Gideon Kiers stoßen immer wieder unterschiedliche Musiker hinzu. Da es sich um ein Projekt handelt, das sich der Schönheit der Improvisation widmet, sind die kreativen Ergebnisse nicht nur abhängig von der Besetzung, sondern auch von den Stimmungen und dem Wohlergehen der Musiker. Das macht The Mount Fuji Doomjazz Corporation schrecklich menschlich.

Extremer Doom

Auch The Mount Fuji Doomjazz Corporation erschaffen Doom, nur eben ohne die uns altbekannten, schweren Elemente und fuzzigen Gitarren. Stattdessen legt das Ensemble viel Wert auf Tiefe und Atmosphäre, lässt eine schwergewichtige Ambient- und Avantgarde-Note einfließen. Lichtloses Beispiel hierfür ist das Album SUCCUBUS.

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Heroin and Your Veins

Statt Ensemble ein Ein-Mann-Projekt, das anders ist als der sowieso schon eigenartige Dark Jazz. Janne Perttula spielt alle Instrumente selbst ein und verbaut einige westernlastige Elemente. Natürlich nicht, ohne die erwünschte Dosis Trübsal in den Vordergrund zu stellen. Übrigens: Seit 2011 kann man Heroin and Your Veins nicht mehr live in schummrigen Räumen erleben, denn Kreativkopf Janne Perttula sieht sein Projekt als Studio-, nicht als Live-Projekt.

Trübsal im Studio

Heroin and Your Veins klingt wie aus einem stummen Horror-Film von Quentin Tarantino. NAUSEA beweist das.

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The Dale Cooper Quartet

Die Grundlage bilden ein Teppich an elektronischen Klängen, Sound-Muster, die sich immer und immer wiederholen, Rhythmen, die es zu einfach machen, in Trance zu verfallen. Ganz oben thront hin und wieder eine Stimme, die als Soloinstrument zu verstehen ist. Soundeffekte zwinkern dem Hörer aus den 50er-Jahren zu. The Dale Cooper Quartet sind Meister darin, Kulissen zu erschaffen, in denen sich des Hörers Kopf frei austoben kann. Aber nicht irgendwelche Kulissen, sondern die der Kultserie TWIN PEAKS – wie der Name der Band bereits leise flüstert.

Keine Normalsterblichen in Twin Peaks

Das Ausloten tüftlerischer Grenzen geht Hand in Hand mit der Verwirrung und rabenschwarzem Jazz. Das 2007 erschienene Debut PAROLE DE NAVARRE erregte Aufsehen. Die Alben, die folgten, vereinen depressive Gedanken mit Geschehnissen aus dem Proberaum der Dark-Jazzer. Nichts für Normalsterbliche.

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PYMCA Getty Images

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