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Nachruf: Lars-Göran „LG“ Petrov

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Mit Lars-Göran „LG“ Petrov hat am 07.03.2021 eine wahre Ikone des Death Metal seinen letzten Gang auf dem Pfad der linken Hand angetreten. Das tat er nicht heimlich, denn er hatte den Blues eines Vielfraßes. Er konnte Tourbusse reiten, geradeaus schießen und die Wahrheit sprechen. Obwohl er sich in der Szene als Gleicher unter Gleichen gab, war er auch anders als andere. Er war aufbegehrend, ein Luzifer, er liebte das metallische Inferno. Er war ein Schlangenheiliger, ging zurück an die Front, sah dem Morgengrauen entgegen und nahm sich der Eingeweide der Erde an, bevor ihn diese viel zu früh zu sich holte.

Lars-Göran Petrov wird am 17.2.1972 in Schweden geboren. Sein Vater ist Finne und seine Mutter Jugoslawin. Obwohl er sich als Spätzünder bezeichnet, der über Iron Maiden, Motörhead und Metallica zum Metal kommt, sitzt er bereits mit 15 Jahren bei Morbid am Schlagzeug, von wo aus er bald darauf mit Kumpel Uffe Cederlund zu Nihilist stößt. Da dort bereits Nicke Andersson an den Drums sitzt, schnappt sich LG das Mikro. Schon 1989 sind Nihilist Geschichte: Johnny Hedlund gründet Unleashed, während der Rest (Petrov, Andersson, Cederlund und Hellid) als Entombed weitermacht. Das Debüt LEFT HAND PATH schlägt 1990 direkt ein wie eine Bombe und beeinflusst bis heute unzählige Musiker.

Das Seagrave-Artwork, das ikonische Bandfoto auf dem Skogskyrkogården (Waldfriedhof), der ultrabrutale Sunlight-Sound und Songs, die jedem Death Metal-Fan eine Gänsehaut bescheren, platzieren Stockholm neben Tampa, Florida, als neuen Hotspot auf der Death Metal-Landkarte. Das Album gilt bis heute als Genre-definierend, und selbst wer den Kulthorrorfilm ‘Phantasm (Das Böse)’ von 1979 nicht kennt, hat bestimmt schon diese betörende Melodie im Mittelteil des Titel-Tracks gehört (die von Kollege Wickler mit Agathodaimon bereits auf deren Debüt 1998 als Tribut an Entombed verwurstet wurde).

Death Metal als Neuland

Von den Umtrieben im schwedischen Underground bekommt die METAL HAMMER-Leserschaft hierzulande zunächst eher wenig mit. Die späten Achtziger werden von Bands dominiert, die bevorzugt mit leichtbekleideten oder barbusigen Damen posieren, Iron Maiden in Unterhosen machen den Braten da auch nicht mehr fett. Als „Scandinavian Metal Attack“ werden 1988 noch Bands wie Europe, TNT, Treat und Candlemass gefeiert. Lustig, dass Letztere später eine Split-Single mit Entombed (und gegenseitigen Cover-Versionen) veröffentlichten, obwohl ihnen Death Metal damals noch ein Gräuel war. Ex-Mitarbeiter Götz Kühnemund empfiehlt immerhin das Demolition Hammer-Demo für Leute, denen Slayer nicht extrem genug sind.

Der Rest lästert über den, nun ja, Death Metal von Sepultura. Ja, ja, wenn ihr gewusst hättet… Doch nach den Erfolgen von Death und Pestilence kommt auch METAL HAMMER nicht mehr um das Thema Death Metal herum. In einem Live-Bericht werden Entombed 1990, als Vorgruppe von Carcass und Bolt Thrower, immerhin als „immens harter Haufen mit Songs diesseits von Morbid Angel bezeichnet. Beim von Atrocitys Alex Krull organisierten 2. Underground Support Festival findet Kollege Müller den Publikumskontakt von Petrov etwas „Europe-mäßig“, die Band aber sonst ganz geil, was 1992 endlich zu einem Interview mit dem Titel „Gipfelstürmer auf dem Schädelberg“ führt.

Bewegte Karriere

Doch auch bei Entombed ist nicht alles Gold, was glänzt. Beim Zweitwerk CLANDESTINE ist LG Petrov nicht in der Band (stattdessen singt er für Comecon das Album MEGATRENDS IN BRUTALITY ein), kehrt dann aber zu WOLVERINE BLUES fulminant zurück. Entombed verbinden nun Death Metal mit Rock’n’Roll auf ebenso überzeugende wie quasi innovative Weise (Songwriter Andersson eskaliert in Sachen Rock später noch bei The Hellacopters), und neben dem fetten Groove ist es Petrovs markante Stimme, die in ihrer Knurrigkeit doch so verständlich ist, dass sie stets für den nötigen Wiedererkennungswert sorgt, wie ebenfalls auf TO RIDE, SHOOT STRAIGHT AND SPEAK THE TRUTH.

Nebenher wird die Band mehrfach für den schwedischen Musikpreis Grammis nominiert, auch wenn sie ihn nie gewinnt. Später verlieren sich Entombed auf SAME DIFFERENCE bis in schrammelige Punk-Gefilde, um dann mit UPRISING, MORNING STAR und INFERNO wieder zum Death’n’Roll (den außer ihnen und mit Abstrichen Gorefest kaum jemand so konsequent konnte) und Death Metal zurückzukehren. Immerhin war die von ihnen geprägte Death Metal-Variation schon immer ein Sammelbecken für räudige Einflüsse aus Punk und Hardcore – Autopsy und Discharge seien als Stichworte genannt. Entombed sind eine gute Band, doch ein Manko besteht: Die Magie der ersten drei Alben bleibt unerreicht, das Besetzungskarussell hat sich ebenfalls ein paar Male gedreht.

Blut geleckt

Nach SERPENT SAINTS von 2007 herrscht ewig Funkstille, LG Petrov und das zweite verbliebene Gründungsmitglied Hellid sind sich nicht mehr grün. 2014 schnappt sich Petrov dann die aktuellen Entombed-Kollegen Dahlstedt, Elgstrand und Brandt, um fortan unter dem Banner Entombed A.D. weiterzumachen. Die Band veröffentlicht die drei Alben BACK TO THE FRONT, DEAD DAWN und BOWELS OF EARTH und spielt endlich wieder regelmäßig live. Entombed A.D. sind auch wieder viel näher an ihrem ursprünglichen Death Metal-Sound. LG Petrov hat Blut geleckt und gründet nebenbei mit Brandt und den Kollegen Friberg (Necrophobic), Modin (Dark Funeral) und Folkare (Unleashed) die Schwedentod-Supergruppe Firespawn, die aber klanglich näher an groovigen Morbid Angel denn am ursprünglichen Stock­holm-Sound agiert.

LG Petrov singt hier noch mal eine Bären­lunge tiefer als sonst. Auch diese Truppe bringt mit SHADOW REALMS, THE REPROBATE und ABOMINATE drei Alben heraus. Da Petrov ein umgänglicher Typ ist, wird er auch regelmäßig von Kollegen für Gast-Vocals auf deren Alben eingeladen – darunter Amon Amarth, Atrocity, Pungent Stench, The Very End und Volbeat.

Zu früh auf den Pfad zur linken Hand berufen

Also alle Ampeln auf grün? Leider nicht. Im August 2020 stellt sich heraus, dass Petrov unter einem Gallengangkarzinom leidet, welches zwar selten, aber in seinem Fall leider nicht operabel ist. Schon am 07.03.2021 stirbt der Musiker im Alter von gerade mal 49 Jahren. In einem früheren Interview vor seiner Krankheit sagte er spaßeshalber, auf seinem Grabstein solle einmal Death Metal-typisch „Ich werde niemals sterben, es wird niemals sterben“ stehen. Das Internet überschlägt sich mit Beileidsbekundungen, da LG Petrov äußerst beliebt war. Er war quasi der Lemmy des Death Metal, liebte die Musik und seine Fans ebenso wie Partys und Alkohol (ja, ja, irgendeinen Nachteil gibt es ja immer). Außerdem war er ein talentierter Pinball-Spieler.

Immerhin hat ihm Tour-Kollege Lemmy nach ein paar Whisky vorgeworfen, beim Flippern zu bescheißen, was der Beschuldigte als große Ehre empfand. Im Livevideo zu ‘Elimination’ von Entombed A.D. sieht man ihn, wie er seinen Fans auf die Bühne hilft, sich umarmen lässt, bevor diese dann zum Stagediven ansetzen – egal, ob Mann oder Frau, Läufer oder Rollifahrer. Wenn der Shouter mit mittlerweile etwas schütterem Haar headbangend wie Fozzy über die Bühne schlurft, hängen doch alle Augen an ihm: Denn was aus dem Mikro kommt, ist auch nach 30 Jahren noch umwerfend. Wo andere nach einem chaotischen Tag mit zu später Anreise für die eigene Show ein Festival wieder genervt verlassen, hat sich LG wenigstens noch die Aftershowparty beim METAL HAMMER PARADISE gegeben.

Herrliche Selbstironie

Wo andere Leute mit zunehmendem Alkoholkonsum schwierig werden, wurde bei Entombed A.D. erst recht der Humor befeuert, wie sich im Video zu ‘The Winner Has Lost’ zeigt. Dieses verdeutlicht herrlich selbstironisch, wie es die Band gehalten hat: Der mahnende Finger, nicht das ganze Budget zu versaufen, endet als Videokonzept in einer feucht-fröhlichen Brauereiführung. LG war ein Typ, für den es auf jedem Festival immer irgendwo auf der Welt 16 Uhr war, sobald sich ein Kumpel in der Nähe befand. Selbst auf dem Krankenbett hat er es sich nicht nehmen lassen, für Kumpels einer Metal-Kneipe in Schweden die Werbetrommel zu rühren.

Als Entombed A.D. die Nachricht am 8.3.2021 publik machen, hätten sie es treffender nicht formulieren können: „Er hat mit seiner Stimme, seiner Musik, seinem Charakter und seiner einzigartigen Persönlichkeit so viele Leben verändert. LGs Lächeln ist etwas, das wir für immer in unseren Herzen tragen werden.“ Die Welt verliert einen der besten Death Metal-Frontmänner aller Zeiten und einen coolen Typen, der bei allem Erfolg die Bodenhaftung nicht verlor. Darauf LEFT HAND PATH und ein Pils zur Linken! Danke für die Musik, Chief Rebel Angel!

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