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Enslaved Axioma Ethica Odini

Black Metal, Indie/Soulfood (9 Songs / 58:25 Min.) 24.09.2010

7/ 7
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Foto: Indie Distribution As (Soulfood)

Meine Herren! Im Vorfeld war ja schon zu vernehmen, dass die norwegischen Prog-Black-Metaller den, nun ja, eher seichten Pfad von VERTEBRAE wieder verlassen würden. Aber das hier ist keine Kurskorrektur, sondern ein Orkan, der wie bei dieser Band so oft alle Erwartungshaltungen wegbläst.

Schon beim Opener ‘Ethica Odini’ übernimmt zumindest vorläufig der Nackenmuskel die Kontrolle übers Geschehen: Ein dunkles Grollen, dazu das Knarzen eines Holzschiffs im Sturm hebt an, und dann legt genau der los – geradlinig treibendes, enorm forderndes Trommeln, gefolgt von Grutles Kjellsons krächzender Stimme, die wie eine Schreimöwe ins Tosen hinabsticht… Alleine der Start ist der Wahnsinn. Nach zwei Minuten überrascht ein proggig-melodisches Break, doch bevor Orientiertungslosigkeit einsetzt, nehmen die Gitarren ihr peitschendes Treiben wieder auf. Das Wechselspiel wiederholt sich, wird wirbelnd verwoben, um dann am Ende von mitreißenden acht Minuten zu einer absolut zwingenden Conclusio geführt zu werden: ein triumphierend sich erhebender Klargesang, aufgegriffen von einem zeitlosen Gitarren-Solo.

Und das ist erst der Anfang: Enslaved reihen auf diesem Album einen perfekten Song an den anderen. Nummer zwei, ‘Raidho’, beginnt mit räudigem Knurren und Riffen, um dann wie aus dem Nichts, erst als Gitarrenmelodie angetäuscht und dann mit Gesang vollstreckt, einen absoluten Gänsehaut-Refrain aus dem Hut zu zaubern. Noch nie hatte ich nach zwei Songs mental die Höchstnote in der Hand.

Erst wenn sich das Gehirn von diesem Schleudertrama erholt hat und mit ‘Waruun’ so etwas wie eine Ruhepause eintritt, darf vorsichtig mit der Analyse begonnen werden. Die lautet: Enslaved haben die Fusion von Prog und treibendem Post Black Metal zur (vorläufigen) Vollendung getrieben. Das Erfolgsrezept: maximale Verdichtung, aber minimale Vermengung. Voller Dringlichkeit nach vorne preschende Riff-Kaskaden, über denen Grutles Gesang das reinste Vitriol versprüht, rasen ungebremst in erlesene Prog-Juwelen, in denen der immer wichtiger werdende Keyboarder und Sänger Herbrand Larsen atmosphärisch dichten Wohlklang verbreitet. Diese Formel schafft Dynamik jenseits der post-metallisch so beliebten laut/leise-Kontraste und, weil die ordnende Hand von Chefmusiker Ivar Bjørnson zu derbe Brüche hasst, großartige und trotz aller stilistischen Spannung reibungslos funktionierende Refrains.

Kurz gesagt: Noch nie klang die eklektische Mischung, die Enslaveds Sound befeuert, so organisch, noch nie kamen dabei so viele Hits heraus. Die beschriebenen ersten beiden Songs blasen schon mal alles weg, und auch von dem Wahnsinnsblock der letzten drei Songs (‘Singular’, ‘Night Sight’ und ‘Lightening’) kann mein Nacken jetzt schon ein Lied singen. Das hier ist intensiver, treibender als alles, was Enslaved in ihrer zeitlich nicht zu knapp bemessenen und an Highlights wahrlich nicht armen Karriere zustande gebracht haben. Und gleichzeitig nachhaltiger, denn diese Magie arbeitet auf dem subtilen Niveau der Riffs fast noch zwingender als im vordergründig mitreißenden Songwriting: Was Ivar und Lead-Guitar-Meister Ice Dale da veranstalten, ist in den unerwartetsten Momenten für dieses tiefe Erschaudern im Rückenmark gut, die Black Metal-typischen Sound-Texturen haben eine Tiefe, ein Volumen, eine Greifbarkeit, die sich schwer in Worte fassen lässt.

So viel sei jedenfalls gesagt: Grutle, Ivar und Herbrand als Produzenten und Jens Borgren (Opeth, Paradise Lost, Amon Amarth) als Mixer setzen auf diesem Album Maßstäbe für modernen Extrem-Metal. Und da der Name eben gefallen ist: Opeth brachten dem Prog aus der Death Metal-Krippe ein neues Leben, wenn der Nihilismus des Black Metal etwas ähnliches zustande bringen sollte, dann mit AXIOMA ETHICA ODINI. Man kann es nur hoffen, denn dieses gnadenlos geile Werk hat nichts Geringeres verdient!

 

Kommentare der Redaktion

Es ist gut, dass Enslaved einen eigenen Stil besitzen. Es ist auch toll, dass sie geschmackvoll auf hohem Niveau komponieren. Mir gefallen die Atmosphäre, der Ideenreichtum und jede Stelle, die nach Devin Townsend klingt, aber die Extrem-Parts nerven. Für meinen Geschmack ist deswegen nämlich der Spagat zu weit. Einigen wir uns also auf vier Punkte.
Christof Leim (4 Punkte)

Also, eins ist mal klar: Langweilig wird’s einem mit AXIOMA ETHICA ODINI bestimmt nicht: Die Art und Weise, wie Enslaved atmosphärischen Prog mit tobendem Black Metal verbinden, kann einen schon mal verwirren – ein Labyrinth aus unzähligen Möglichkeiten öffnet sich. Diesen Irrgarten zu erkunden, ist genauso spannend wie faszinierend. Seltsam gute Platte.
Matthias Weckmann (5 Punkte)

Wenn es schon Iron Maiden nicht auf den verdienten Monats-Thron schaffen, so bleibt der Soundcheck-Sieg wenigstens auch mit Enslaved im Hause Prog, selbst wenn der atmosphärische Anstrich im Grundton natürlich deutlich schwärzer ausfällt. Dass hier dennoch kein monochromatisches Gesamtbild entsteht, liegt an der hübsch erweiterten Kompositions-Palette, melodischer Muse, dramaturgischer Dichte sowie dem variablem vokalen Wechselbad aus keifender Kälte und schwebender Sonorität. Spannend.
Frank Thiessies (5 Punkte)

Enslaved haben einen faszinierenden Bastard erschaffen: luftig wie VERTEBRAE, massiv wie RUUN, beklemmend wie ein aufziehendes Unwetter und schillernder als alle Opeth-Werke zusammen. AXIOMA ETHICA ODINI zeigt mit jedem Durchlauf neue Facetten und bildet trotz der komplexen Strukturen eine monolithische Einheit, die erst im Gesamtkontext ihre eigentliche Größe offenbart.
Jakob Kranz (6 Punkte)

Enslaved schlagen Iron Maiden? Mit einem Prog-Album? Unglaublich, aber auf keinen Fall unverdient: Obwohl die Songs auf AXIOMA ETHICA ODINI ziemlich verkopft und kleinteilig sind, kreieren die Norweger eine wahnsinnig dichte Atmosphäre und fesseln mit großartigen Melodien und Arrangements. Enslaved klingen mal wie (späte) Emperor, dann wieder wie Pink Floyd. Klar, dass damit die Black Metal-Fraktion ebenso etwas anfangen kann wie die Herren in der Hard Rock-Ecke. Ein Meilenstein – zumindest für die Band!
Sebastian Kessler (6 Punkte)

Enslaved waren schon immer ein Phänomen: So richtig Black Metal / Viking Metal waren maximal ihre ersten beiden Alben, dann wurde es abgefahren. Ihrer Zeit voraus, proggig, finster, nie ihre Wurzeln negierend, haben sie sich ihre ganz eigene Nische zwischen Odin, Kunst, Intellekt und klirrenden Gitarren erschaffen. Dass sie damit immer mehr Fans gewinnen ist erstaunlich, aber fair. Dass sie unseren Soundcheck gewinnen noch erstaunlicher – aber ebenfalls verdient. Ein tolles Album.
Tobias Gerber (5 Punkte)

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